Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

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lemmi
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Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von lemmi »

gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Die quantitative Bestimmung von Nitrat ist notorisch schwierig. Da es in wässriger Lösung keine stöchiometrische Redoxreaktion eingeht, existiert keine maßanalytische Bestimmungsmethode – es sei denn man reduziert zuvor zu Ammoniak, was ziemlich umständlich ist. In geringen Konzentrationen kann Nitrat nach Reduktion zu Nitrit photometrisch bestimmt werden, zum Beispiel im Trinkwasser. Für die Analyse größerer Substanzengen - eine Gehaltsbestimmung beispielsweise - ist diese Methode aber nicht geeignet. Das Europäische Arzneibuch schreibt zur Gehaltsbestimmung vor, eine Kaliumnitratlösung durch eine Ionenaustauschersäule zu geben und die gebildete Säure zu titrieren. Diese Methode ist natürlich hochgradig unspezifisch, weil sie nicht für Nitrat selektiv ist.

Da zudem praktisch alle Nitrate gut wasserlöslich sind, sind auch keine geeigneten Fällungsanalysen bekannt. Eine Ausnahme bildet das (1,4-Diphenyl-4H-[1,2,4]triazol-3-yl)-phenylamin (Molmasse 312,37 g/mol),
Formel.jpg
Formel.jpg (8.26 KiB) 149 mal betrachtet
das im Jahre 1905 von dem Chemiker Max Busch (1865 – 1941) synthetisiert wurde.[1] Es bildet ein sehr schwer lösliches Nitrat, was Busch zu einer gewichtsanalytischen Bestimmungsmethode für Nitrat ausarbeitete.[2] Die Substanz erhielt von ihrem Erfinder den Trivialnamen Nitron. Obwohl dadurch eine Verwechslung mit der Stoffgruppe der Nitrone (Imino-N-oxide) möglich ist, mit denen “das Nitron“ nichts zu tun hat, soll dieser Name der Einfachheit halber im Folgenden beibehalten werden. Etwas langatmiger wird die Substanz auch als Reagenz nach Busch bezeichnet.


Material/Geräte:

Analysenwaage, Bechergläser 150 ml, Wasserbad, Kühlschrank, Filtertiegel (Por 3 oder 4), Einrichtung zur Saugfiltration, Trockenschrank, Exsikkator


Chemikalien:

(1,4-Diphenyl-4H-[1,2,4]triazol-3-yl)-phenylamin, “Nitron“ Warnhinweis: unknown
Essigsäure 1N
Schwefelsäure 5N Warnhinweis: c
Kaliumnitrat Warnhinweis: o
Kaliumperchlorat Warnhinweis: o Warnhinweis: attn


Versuchsdurchführung:

Reagenzlösung (“Nitronacetatlösung“): 2 g Nitron werden in knapp 20 ml 1 N Essigsäure gründlich verrührt, nach ca. 15 Minuten von einem ungelösten Rest abfiltriert und unter Nachwaschen des Filters mit 1 N Essigsäure auf 20 ml aufgefüllt. Die erhaltene Lösung ist ungefähr 0,3 M im Gehalt. Sie soll, vor Licht geschützt gelagert, “lange Zeit unverändert“ haltbar sein.[2] Das von mit hergestellte Reagenz war dunkelbraun gefärbt und im Filter war ein deutlicher Rückstand verblieben, was wahrscheinlich auf eine teilweise Zersetzung der doch schon älteren Ausgangssubstanz zurückzuführen ist. Es war dennoch brauchbar.

In einem 150 ml-Becherglas löst man ca. 0,5-1,5 mmol Analyt (ca. 30-100 mg Nitrat) in 80 ml Wasser und erhitzt in einem siedenden Wasserbad. In die heiße Lösung gibt man dann 10 ml Reagenzlösung , nimmt das Becherglas aus dem Wasserbad und lässt zunächst bei Raumtemperatur etwas abkühlen, bis eine Fällung beginnt. Dann kühlt man in einem Kaltwasserbad ab und stellt zuletzt für 1½ Stunden unter gelegentlichem Umrühren in Eiswasser. Nach Ablauf der Zeit wird der ausgefallene cremeweiße Niederschlag über einen tarierten Glasfiltertiegel abgesaugt -8was sehr gut geht), durch Aufbringen von 4-5 x 2 ml eiskaltem Wasser ausgewaschen und so gut wie möglich trockengesaugt. Zuletzt trocknet man im Trockenschrank bei 105-110 °C bis zur Gewichtskonstanz, lässt den Tiegel im Exsikkator erkalten und wägt aus.

Berechnung: 375,38 mg Nitronnitrat (C20H16N4 HNO3) entsprechen einem Millimol (62 mg) Nitrat beziehungsweise 101,11 mg Kaliumnitrat.


durchgeführte Analysen:

1. Kaliumnitrat DAB 7:
Eine Probe der Substanz aus einen Apothekenstandgefäß aus den 70er Jahren wurde fein zerrieben und zunächst bei leicht erhöhter Temperatur, dann im Exsikkator getrocknet. 151,3 mg (1,496 mmol) davon wurden zur Analyse eingesetzt und 559,4 mg (1,490 mmol) Nitronnitrat erhalten. Das entspricht einem Gehalt von 99,6%.

2. Kaliumnnitrat “Biolaboratorium“:
Von der Substanz wurden ohne spezielle Vorbereitung 154,4 mg (1,527 mmol) zur Analyse eingesetzt und 565,1 mg (1,505 mmol) Nitronnitrat ausgewogen. Gehalt 98,6 % Kaliumnitrat.

3. Pentaamminnitratokobalt(III)-nitrat (“Nitrato-Puprpureokobaltnitrat“):
Hier handelt es sich um ein Präparat, dass ich im Rahmen meiner Beschäftigung mit Kobaltkomplexen dargestellt hatte. Am 24.11.2018 hatte ich eine Analyse durchgeführt und in 335,7 mg der Substanz 4,97 mmol Ammooniak und 1,01 mmol Kobalt gefunden. Die Lösung der Anionen, die Nitrat enthielt, konnte ich damals nicht weiter untersuchen und hatte sie asserviert. Jetzt wurden 50 ml der Analysenlösung (entsprechend der Hälfte der eingesetzten Substanzmenge) auf 80 ml verdünnt, wie oben beschrieben angesäuert und mit Nitron gefällt. Zur Auswage gelangten 571 mg Nitronnitrat, entsprechend 1,505 mmol. Auf 1 mmol Kobalt wurden also 2,98 mmol Nitrat und 4,91 mmol Ammoniak gefunden. Das entspricht der Formel [(NH3)5NO3Co](NO3)2.


alternative Vorgehensweise:[3]

Die Analysensubstanz wird, wie oben, erhitzt, mit 1 ml Eisessig angesäuert (statt Schwefelsäure) und mit 10 ml Reagenzlösung gefällt, danach aber nicht kaltgestellt, sondern 24 Stunden bei Raumtemperatur stehen gelassen. Dann wird abgesaugt, mit einer gesättigten Lösung von Nitronnitrat gewaschen (25-40 ml), gut trockengesaugt und zuletzt bei 110 °C getrocknet.

Eingesetzt wurden 152,3 mg (= 1,506 mmol) von der Probe 1 (getrocknetes Kaliumnitrat DAB 7). Erhalten wurden 564 mg Nitronnitrat (1,5 mmol), entsprechend 99,6 %. Das Ergebnis ist also identisch.

gesättigte Nitronnitrat-Lösung: In einem Erlenmeyerkolben werden etwa 100 mg Nitronnitrat in 100 ml Wasser suspendiert und bis nahe zum Sieden erhitzt. Die Lösung wird abkühlen gelassen und nach 24 -stündigem Stehen bei Raumtemperatur von dem ausgefallenen Überschuss der Substanz abfiltriert.
In einem tarierten Wägeglas wurden 5 ml der gesättigten Lösung eindunsten gelassen. Erhalten wurde ein Rückstand aus 2,45 mg feinen, nadelförmigen Kristallen. Die gesättigte Lösung enthält damit in 100 ml 49 mg Nitronnitrat, was mit den Angaben aus der Literatur übereinstimmt.[4]


semiquantitative Prüfung der Fällbarkeit verschiedener Anionen durch Nitron:

In Reagenzgläsern wurde ein kleiner Spatel (je etwa 10 mg) verschiedener Salze in 3 ml Wasser gelöst und mit 1 Tropfen Schwefelsäure 5N angesäuert. Die Reagenzlösung wurde einer Reagenzglaskuppe Nitron, 0,5 ml Eisessig und 9 ml Wasser hergestellt. Die Testlösungen wurden mit je 1 ml Reagenzlösung versetzt und die auftretenden Fällungen beobachtet. Dann wurden zwei weiter Spatel der Testsubstanzen zugegeben, unter Schütteln gelöst, und erneut auf eventuelle Fällungen geprüft.

Mit Nitrat und Perchlorat trat bereits initial eine Fällung auf. Nach Verdoppelung der Menge des Analyten trat auch mit Chlorat und Nitrit eine Ausflockung ein. Kein Niederschlag, auch nicht nach der dreifachen Menge Analyt, bildete sich mit Chlorid, Phosphat, Sulfat und Sulfit.


Entsorgung/Recycling:

Da Nitron teuer und schwer erhältlich ist, lohnt sich das Recycling. Zunächst werden die Filtrate der Analysenansätze gesammelt und mit Ammoniaklösung alkalisch gemacht, wobei die enthaltene überschüssige Nitronbase als voluminöser gelber Niederschlag ausfällt. Es wird abgesaugt, in ca. 50 ml Wasser suspendiert und mehrfach mit Chloroform (je 10-15 ml) ausgeschüttelt, worin sich das Nitron mit gelbbrauner Farbe löst.
Die getrockneten Nitronnitrat-Fällungen (2 g) werden nach und nach mit etwa 50 ml Wasser angerieben, in einen Scheidetrichter überführt, ebenfalls mit Ammoniak versetzt und unter gelegentlichem Schütteln einige Stunden stehen gelassen Das ist notwendig, damit sich der Niederschlag gut mit dem Ammoniak umsetzt. Anschließend wird wiederholt mit Chloroform ausgeschüttelt. Die vereinigten Chloroformauszüge werden über wasserfreiem Natriumsulfat getrocknet, destillativ weitgehend eingeengt, und dann aus der konzentrierten Lösung das Nitron durch Zutropfen des vierfachen Volumens Petrolether gefällt. Es wird abgesaugt, mit etwas Petrolether gewaschen und getrocknet.

Die wässrigen Rückstände werden neutralisiert und über das Abwasser entsorgt. Das abdestillierte Chloroform wird wiederverwendet, die organische Mutterlauge kommt zu den halogenhaltigen organischen Abfällen.


Erklärungen:

Nitron ist eine starke Base und bildet mit einer Reihe von Anionen mehr oder weniger schwer lösliche Salze. Nach Buschs Arbeiten gehören hierzu: Bromid, Iodid, Nitrit, Thiocyanat, Chlorat, Perchlorat, Chromat Hexacyanoferrat(II) und –(III) sowie Oxalat (nicht in stark saurer Lösung). Sulfit, Sulfat und Phosphat werden nicht gefällt. Chlorid wird zwar auch nicht gefällt, jedoch, wenn die Konzentration nicht vernachlässigbar gering ist, in den Nitronnitrat-Niederschlag eingelagert und kann zu Fehlern führen.[3] Die genannten Ionen müssen daher vor der Nitratbestimmung zerstört oder ausgefällt werden. Busch[2] hat dazu differenzierte Anleitungen gegeben (Nitrit durch Hydrazinsulfat, Iodide und Bromide durch Oxidation und verkochen). Die Formel des Nitronnitrats lautet C20H16N24⋅HNO3 (Molmasse 375,38 g/mol).

Die oben beschriebene Analysenmethode entspricht dem ursprünglich von Busch angegebenen Verfahren, die alternative Methode ist eine Modifikation von Winkler.[2],[3] Interessanterweise ist die Bestimmung genau, obwohl das Nitrat in Wasser merklich löslich ist. Vermutlich trägt der deutliche Überschuss des Reagenz' (Molverhältnis über 2:1) dazu bei, die Löslichkeit zu verringern. Im Jahre 1990 hat eine japanische Arbeitsgruppe die Genauigkeit der Methode überprüft.[4] Dort wurde aus schwach schwefelsaurer Lösung (1 ml 1 N H2SO4 auf 70 ml Analysenlösung) gefällt, der Niederschlag nicht in Eiswasser gestellt, sondern im Kühlschrank 22 Stunden bei 5°C stehen gelassen und dann mit bei 5 °C gesättigter Nitronnitratlösung gewaschen. Interessanterweise wurde dort für reines Kaliumnitrat ein sehr ähnlicher Gehalt gefunden, wie ich ihn ermittelt habe, nämlich 99,61 % und 99,55 %. Aufgrund des Vergleiches der gravimetrischen Ergebnisse mit der Analyse einer Salpetersäure von coulometrisch bestimmtem Gehalt wurde ein Korrekturfaktor von + 0,1% vorgeschlagen.[4] Wenn man das auf meine Analysenergebnisse anwendet, kommt man auf einen Gehalt der Kaliumnitratproben von 99,7 % und 98,7 % sowie bei dem untersuchten Kobaltkomplex auf 3,01 mmol Nitrat pro 1 Mol Kobalt.

Eine Bestimmung von Nitrat und Chlorat nebeneinander, z.B. in einem pyrotechnischen Satz, wäre folgendermaßen möglich: das Chlorat wird iodometrisch bestimmt und dann mit einer äquivalenten Menge Natriumsulfit reduziert. Das entstehende Sulfat stört nicht, das Chlorid wird durch Zugabe von Bleiacetat soweit ausgefällt, dass es nicht mehr stört. Anschließend würde man das Nitrat mit Nitron gravimetrisch bestimmen. Leider ist eine parallele Bestimmung von Nitrat und Perchlorat auf diesem Wege nicht möglich, da Perchlorat in Lösung nicht einfach zu beseitigen ist und mit Nitron ein ebenfalls sehr schwer lösliches Salz bildet.


Literatur:

[1] Busch M: Ueber Endimino-Triazole; Berichte der deuschen chemischen Gesellschaft 38 (1905): 856-860
[2] Busch M: Gravimetrische Bestimmung der Salpetersäure; Berichte der deuschen chemischen Gesellschaft 38 (1905): 861-866
[3] Winkler LW: Bestimmung der Salpetersäure - Zeitschrift für angewandte Chemie 34 (1921): 46
[4] Hioki A et al.: Accuracy in Gravimetric Determination of Nitrate and Nitrite as Nitron Nitrate; Analytical Sciences 6 (1990): 757-762



Bilder:

2 g Nitron.jpg
2 g Nitron auf einem Wägeschiffchen

Nitronacetat.jpg
Nitronacetat-Reagenzlösung

Proben.jpg
Analysensubstanzen

Fällen 2.jpg
Fällung der Analysenlösung im Wasserbad

Fällen 3.jpg
Die frische Nitronnitratfällung

Fällen 4.jpg
Kaltstellen der Analysenansätze

Absaugen.jpg
Abnutschen

Versuchsreihe 1.jpg
Semiquantitative Prüfung verschiedener Salze, Phase 1 (v.l.n.r: Kaliumchlorid, di-Natriumhydrogenphosphat, Natriumsulfat, Natriumnitrit, Kaliumnitrat, Natriumchlorat, Natriumperchlorat, Natriumsulfit)

Versuchsreihe 2.jpg
Semiquantitative Prüfung verschiedener Salze, Phase 2 nach Erhöhung der Menge an Analyten

Fällen der Mutterlauge.jpg
Recycling des Nitrons: Fällung aus der Mutterlauge durch Ammoniak

Nitron-nitrat.jpg
Nitronnitrat im Wägeglas aus 5 ml gesättigter Lösung auskristallisiert
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Ralf
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von Ralf »

Interessante Sache! Von Nitron hatte ich auch schon mal gehört, aber wusste nicht, woher man das bekommen soll. Die Synthese ist für Anfänger vermutlich auch zu schwierig, oder?
Chemie ist das, was knallt und stinkt, doch selten nur gelingt.
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FrankBL
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von FrankBL »

Ralf hat geschrieben: Mittwoch 21. Januar 2026, 00:09 Interessante Sache! Von Nitron hatte ich auch schon mal gehört, aber wusste nicht, woher man das bekommen soll. Die Synthese ist für Anfänger vermutlich auch zu schwierig, oder?
Ja, ein interessantes Reagenz, aber eben recht kostspielig. Ich zahle für 5 g ca. 60 €. Die Original-Synthese gemäss [1] ist auch nicht ohne, da es z. B. Phenylhydrazin braucht. Das ist wahrscheinlich für viele nicht realisierbar. Daher ist das beschriebene Recycling auf jeden Fall lohnenswert. :thumbsup:
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mgritsch
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von mgritsch »

Sehr nett und gut zu sehen wie genau diese Methode tatsächlich ist, hätte ich aufgrund der Löslichkeit nicht gedacht.
Und lustig dass du das aufgreifst, denn das ist derzeit auf der to-do liste der Synthesen, ruht nur gerade wegen anderer Themen die ich verfolge...

gleich zu
Vermutlich trägt der deutliche Überschuss des Reagenz' (Molverhältnis über 2:1) dazu bei, die Löslichkeit zu verringern.

wenn ich das vergleiche:
lemmi hat geschrieben: Dienstag 20. Januar 2026, 22:22 ...Analyt (ca. 30-100 mg Nitrat) in 80 ml Wasser ... gibt man dann 10 ml Reagenzlösung ... Aufbringen von 4-5 x 2 ml eiskaltem Wasser ausgewaschen
und
gesättigte Nitronnitrat-Lösung:... Die gesättigte Lösung enthält damit in 100 ml 49 mg Nitronnitrat, was mit den Angaben aus der Literatur übereinstimmt.
wundert mich das umso mehr. in deinem Analysen-Ansatz sind ca 100 ml Flüssigkeit eingegangen, darin sollten sich 49 mg Nitronnitrat lösen, was bei
1. Kaliumnitrat DAB 7:... 559,4 mg (1,490 mmol) Nitronnitrat erhalten
schon knapp 10% Fehler wäre.
Sicher, der gleichionige Zusatz drückt die Löslichkeit weiter runter, bei einem 1:1 zusammengesetzten Salz ergibt ein 10x Überschuss dann auch nur 1/10 der Löslichkeit was den (systematischen) Fehler auf 1% drücken würde, aber das war ja nicht mal gegeben. Auf 1,5 mmol Analyt gibst du 10 ml einer 0,3M Reagenzlösung = 3 mmol zu = nur Überschuss Faktor 2 = Hälfte Löslichkeit = sollte immer noch 5% Fehler geben.
Wie erklärst du dir den dennoch quantitativen Befund? Nur Temperaturabhängigkeit?
mit Ammoniaklösung alkalisch gemacht, wobei die enthaltene überschüssige Nitronbase als voluminöser gelber Niederschlag ausfällt. Es wird abgesaugt, in ca. 50 ml Wasser suspendiert und mehrfach mit Chloroform (je 10-15 ml) ausgeschüttelt, worin sich das Nitron mit gelbbrauner Farbe löst.
... Chloroformauszüge werden über wasserfreiem Natriumsulfat getrocknet, destillativ weitgehend eingeengt, und dann aus der konzentrierten Lösung das Nitron durch Zutropfen des vierfachen Volumens Petrolether gefällt.
Danke für die Reinigungsvorschrift, wenn ich es synthetisiere ist das sicher nützlich! :thumbsup:
Busch[2] hat dazu differenzierte Anleitungen gegeben (Nitrit durch Hydrazinsulfat,

warum kein Harnstoff oder noch besser Amidoschwefelsäure? Letztere ist billig und extrem effizient in der NItrit-Entfernung...
Leider ist eine parallele Bestimmung von Nitrat und Perchlorat auf diesem Wege nicht möglich, da Perchlorat in Lösung nicht einfach zu beseitigen ist und mit Nitron ein ebenfalls sehr schwer lösliches Salz bildet.
Perchlorat vorher mit K2SO4 fällen und auswiegen? ;) okay, ist sicher nicht sehr genau aber immerhin.

Was ich mich immer schon gefragt habe (und bisher keine Antwort parat) - wodurch entsteht eigentlich Unlöslichkeit? Kann man das "fundamental" erklären und voraussagen? Warum ist CaCl2 und MgCl2 super löslich, MgSO4 auch aber CaSO4 nicht? Warum sind alle starken Mineralsäure-Salze von Nitron löslich - außer just Nitrat und Perchlorat? Warum ist Nitron mehr oder weniger das einzige Ion mit dem Nitrat fällt, was macht die beiden jeweils so besonders?
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mgritsch
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von mgritsch »

FrankBL hat geschrieben: Mittwoch 21. Januar 2026, 10:56 recht kostspielig. Ich zahle für 5 g ca. 60 €.
Billig ist das nicht, aber gibt schlimmeres... :)
Die Original-Synthese gemäss [1] ist auch nicht ohne, da es z. B. Phenylhydrazin braucht. Das ist wahrscheinlich für viele nicht realisierbar.
nicht nur das, das wäre noch das geringste.
Der Weg ist:
Anilin + CS2 + H2O2 --> Thiocarbanilid
Thiocarbanilid + Phenylhydrazin + HgO --> Triphenylaminoguanidin
Triphenylaminoguanidin + Formaldehyd --> 1,4-Diphenyl-3-phenylimino-1,2-dihydro-1,2,4-triazol
1,4-Diphenyl-3-phenylimino-1,2-dihydro-1,2,4-triazol + Nitrit --> Nitron.

da sind schon ein paar "gschmackige Sachen" dabei und immerhin 4-Stufig :) Technisch ist es aber relativ leicht und die Ausbeuten akzeptabel. Preislich ist man also mit den 60 EUR relativ gut dran.
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lemmi
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von lemmi »

mgritsch hat geschrieben: Mittwoch 21. Januar 2026, 15:41 Wie erklärst du dir den dennoch quantitativen Befund? Nur Temperaturabhängigkeit?

Was ich mich immer schon gefragt habe (und bisher keine Antwort parat) - wodurch entsteht eigentlich Unlöslichkeit? Kann man das "fundamental" erklären und voraussagen?
@mgritsch:
Wieso das Analysenergebnis so gut hinkommt - trotz der Löslichkeit - hat schon Busch erstaunt. Er schreibt ([2]), es müssten noch unbekannte Effekte vorliegen, die den Fehler wieder ausgleichen.

Was darüber entscheidet, wie löslich ein Salz ist, habe ich vor Jahrzehnten mal meinen Chemiedozenten gefragt. Aber außer so einer schwammingen Regel wie "hard and hard and soft and soft flock together" wußte er auch keine Antwort. Zumindest damals gab es (gibt es bis heute?) dafür offenbar keine befriedigende mechanistische Erklärung.
warum kein Harnstoff oder noch besser Amidoschwefelsäure? Letztere ist billig und extrem effizient in der NItrit-Entfernung...
Busch schreibt, dass er die Zerstörung des Nitrits nur mit Hydrazin zufriedenstellend hinbekommen habe. Was er sonst noch probiert hat und was nicht funktionierte und wieso, dazu schweigt er sich aus.
FrankBL hat geschrieben: Mittwoch 21. Januar 2026, 10:56 Ich zahle für 5 g ca. 60 €. Die Original-Synthese gemäss [1] ist auch nicht ohne, da es z. B. Phenylhydrazin braucht.
@FrankBL: du hast offenbar wenigstens eine Quelle, wo du das Reagenz überhaupt beziehen kannst! Ich habe es bei den mir bekannten Quellen gar nicht erst gefunden.
Die Synthese finde ich - weniger wegen der Edukte als vielmehr wegen des (von Busch) angegebenen Erhitzens im geschlossenen Rohr - ziemlich unattraktiv. Wie macht man sowas eigentlich?
mgritsch hat geschrieben: Mittwoch 21. Januar 2026, 15:41 das ist derzeit auf der to-do liste der Synthesen, ruht nur gerade wegen anderer Themen die ich verfolge...
@mgritsch: wenn du das synthetisierst bestelle ich gleich mal 5 g bei dir! :)
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von Uranylacetat »

Ein interessanter Ausflug in die Historie der Analytik! :thumbsup:
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von mgritsch »

lemmi hat geschrieben: Mittwoch 21. Januar 2026, 16:24 Busch schreibt, dass er die Zerstörung des Nitrits nur mit Hydrazin zufriedenstellend hinbekommen habe. Was er sonst noch probiert hat und was nicht funktionierte und wieso, dazu schweigt er sich aus.
Naja okay, Harnstoff ist so lala, und vielleicht war damals anno 1905 die Amidoschwefelsäure noch nicht so allerwelts-verbreitet und deswegen hat er es nicht probiert. Aber viel quantitativer als damit geht fast gar nicht, probiere es gerne aus (ggfs Check mit Lunge's Reagenz)
@FrankBL: du hast offenbar wenigstens eine Quelle, wo du das Reagenz überhaupt beziehen kannst! Ich habe es bei den mir bekannten Quellen gar nicht erst gefunden.
wie wäre es mit https://www.laboratoriumdiscounter.nl/d ... 0t-5g.html da sind es auch nur 52 EUR...
Die Synthese finde ich - weniger wegen der Edukte als vielmehr wegen des (von Busch) angegebenen Erhitzens im geschlossenen Rohr - ziemlich unattraktiv. Wie macht man sowas eigentlich?
man muss nicht den Busch-Weg beschreiten, stattdessen gibt es auch bequemere, direkt durch die Savanne :) siehe der von mir skizzierte, der ist komplett klassisch nass und sauber. Seit 1905 hat sich einiges getan :)
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lemmi
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von lemmi »

Okay, danke für den Link! Wenn ich schnell dringend was brauche wende ich mich dahin.

Aber meine Vorbestellung bei dir erhalte ich doch mal aufrecht, darf ich? 8) Bin auf deinen Syntheseweg gespannt!
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von mgritsch »

lemmi hat geschrieben: Mittwoch 21. Januar 2026, 16:54 Bin auf deinen Syntheseweg gespannt!
siehe viewtopic.php?p=102584#p102584
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mgritsch
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Re: Gewichtsanalytische Bestimmung von Nitrat

Beitrag von mgritsch »

lemmi hat geschrieben: Mittwoch 21. Januar 2026, 16:24 Was darüber entscheidet, wie löslich ein Salz ist, habe ich vor Jahrzehnten mal meinen Chemiedozenten gefragt. Aber außer so einer schwammingen Regel wie "hard and hard and soft and soft flock together" wußte er auch keine Antwort.
das HSAB Konzept hab ich schon gehört, aber hat mir nie was gegeben.
Wenn ich die dortige Liste hernehme https://de.wikipedia.org/wiki/HSAB-Konz ... _und_Basen
dann sollten sowohl Ca als auch Mg hart sein so wie auch Sulfat. Weiß das Magnesiumsulfat dass es nicht löslich sein sollte? Wir müssen es wohl ermahnen... :angel:
So wie auch Nitrat als hart eingestuft ist, nach dem sollte so praktisch alles damit flocken? :out:
Völlig nutzlos und willkürlich. Statt sich so eine Liste zu merken kann man gleich die einzelnen Stoffe wissen...
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