Verflüssigung von Chlor

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Ralf
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Verflüssigung von Chlor

Beitrag von Ralf »

Verflüssigung von Chlor

Mit Hilfe einer Kältemischung aus Schnee und Kochsalz lassen sich einige Gase verflüssigen, wie zum Beispiel Schwefeldioxid (Anleitung). Für andere Gase, wie etwa Chlor, ist die damit erreichbare Temperatur jedoch nicht tief genug und man verwendet stattdessen vorzugsweise Trockeneis. Eine weniger bekannte Alternative ist eine Mischung von Schnee und Calciumchlorid-Hexahydrat, welches man sich leicht aus Raumentfeuchter-Granulat herstellen kann. Damit lassen sich Temperaturen knapp unter -50 °C erzielen, was für die Verflüssigung von Chlor mehr als ausreichend ist.


Geräte:

Bechergläser, Magnetheizrührer, Rührfisch, Glasstab, Frischhaltefolie, Filtriermaterial, Gasentwickler für Chlor, Schläuche und Schlauchstücke, Reagenzglas, Pipettenhütchen aus Silikon, Reagenzglasstopfen aus Plastik, Watte, Stativ mit Zubehör, Mörser und Pistill, Plastikgefäße, kleine Thermoskanne (Marke "Leifheit", Modell "Delphi"), Pulvertrichter, große Pinzette, Reagenzglashalter, Holzstab, Glaskapillare, starkwandige Glasrohre, Brenner, Löffel, Waage, Thermometer (bis -50 °C oder tiefer)


Chemikalien:

Trichlorisocyanursäure Warnhinweis: o Warnhinweis: attn Warnhinweis: n
Salzsäure, 15 % Warnhinweis: c Warnhinweis: attn
Calciumchlorid-Dihydrat Warnhinweis: attn
Calciumchlorid (wasserfrei) Warnhinweis: attn
Chlor Warnhinweis: t Warnhinweis: o Warnhinweis: p Warnhinweis: n


Hinweis:

Mit Chlor nur unter dem Abzug oder im Freien arbeiten. Die Kältemischung kann zu Erfrierungen führen. Das verflüssigte Chlor steht unter Druck, die Ampullen dürfen nicht bei Raumtemperatur geöffnet werden.


Durchführung:


Herstellung von Calciumchlorid-Hexahydrat:

In einem großen Becherglas werden zu 620 g (4,22 mol) aus Calciumchlorid-Dihydrat bestehendem Raumentfeuchtergranulat 303 g (16,83 mol) Wasser hinzugefügt und das Salz unter Rühren und Erwärmen aufgelöst. Die trübe Lösung stellt man in ein Eisbad und lässt sie unter gelegentlichem Rühren mit einem Glasstab abkühlen, bis ein dicker Brei aus Calciumchlorid-Hexahydrat entsteht. Die Masse wird in mehreren Portionen in einen Büchner-Trichter gegeben und abgesaugt. Das Filtrat hatte in meinem Fall ein Volumen von ca. 100 ml und die Kristalle wogen ca. 750 g. Sie werden luftdicht aufbewahrt, weil sie hygroskopisch sind.


Herstellung und Verflüssigung von Chlor:

In einer Saugflasche (250 ml) legt man 17,5 g grob gepulverte Trichlorisocyanursäure (TCCA) vor, gibt einen Rührfisch hinzu und stellt die Flasche auf einen Magnetrührer. Es wird ein Tropftrichter mit 54 ml 15%ige Salzsäure angeschlossen. Über einen Schlauch wird der Gasentwickler mit einem Glasrohr verbunden (ich habe ein Reagenzglas ohne Boden verwendet), welches mit Körnchen von wasserfreiem Calciumchlorid befüllt ist. An das andere Ende des so präparierten Trockenrohrs schließt man einen weiteren Schlauch an, in dessen Ende eine Glaskapillare gesteckt wird.

Die Kältemischung wird aus trockenem Schnee (unter 0 Grad) und eiskaltem Calciumchlorid-Hexahydrat im Verhältnis 1:1,43 hergestellt. Dazu werden beide Bestandteile vorher abgewogen und in zwei Gefäßen bereitgestellt. Man fügt dann Schnee und Salz abwechselnd in größeren Portionen mit einem Löffel über einen Pulvertrichter in das Isoliergefäß (Dewargefäß) einer kleinen Thermoskanne und rührt dabei mit einem Holzstab um. Das Gefäß sollte 1 bis 2 cm unter den Rand gefüllt werden. Für das etwa 350 ml große Thermogefäß benötigte ich geschätzt 250 g Calciumchlorid-Hexahydrat und 175 g körnigen Altschnee. Mit einem Thermometer kontrolliert man, ob die Temperatur ausreichend niedrig ist (mindestens -35 °C, besser unter -40 °C). Falls nicht, rührt man die Mischung noch etwas weiter.

In die aus starkwandigen Glasrohren gefertigten, an einem Ende zugeschmolzenen und am anderen Ende verengten Ampullen schiebt man das Gaseinleitungsrohr mit der Glaskapillare hinein und beginnt die Chlorentwicklung im Gasentwickler durch langsames Hinzutopfen der Salzsäure zur TCCA (1 Tropfen alle 3 Sekunden). Den entstehenden Schaum im Gasentwickler zerschlägt man durch magnetisches Rühren und die Gasentwicklung wird durch leichtes Heizen beschleunigt. Nach Zugabe der ersten Tropfen Salzsäure stellt man die Ampullen in das Kältebad, sodass das Chlor allmählich kondensiert, was je nach Menge 5 bis 30 Minuten dauert. Die gefüllten Ampullen überführt man in ein kleines Becherglas mit einer frischen Kältemischung und schmilzt sie zu. Ich habe die Ampullen aus Borosilikatglas gefertigt und in diesem Fall muss man sie beim Zuschmelzen unten fixieren (mit einem Reagenzglashalter festhalten), weil das Glas zäh ist. Nach dem Abkühlen der Zuschmelzstelle werden sie aus dem Kältebad entnommen und man lässt sie langsam auf 0 °C aufwärmen. Dabei darf kein Chlorgeruch entstehen, sonst sind die Ampullen undicht. Um die Druckfestigkeit zu prüfen, habe ich meine Ampullen 10 Minuten auf 65-70 °C (dicke Ampulle) bzw. auf 70-80 °C (dünne Ampulle) erwärmt. So geprüft lassen sich bedenkenlos bei Raumtemperatur lagern. Der Druck im Innern beträgt dann ungefähr 7 bar.

Nach Verbrauch von etwa 3/4 der Salzsäure habe ich in zwei Ampullen ungefähr 1,1 und 2,6 ml flüssiges Chlor erhalten, was bei einer Dichte von 1,5 g/cm³ einem Gesamtgewicht von 5,5 g entspricht. Das ist eine Ausbeute von 43 %. Weil mir das Zuschmelzen der großen Ampulle längere Zeit nicht gelang, verdampften ca. 2,5 bis 3 ml vom schon verflüssigten Chlor. Unter normalen Umständen wäre somit eine Ausbeute von ca. 75 % realistisch.

Anmerkungen:

Eine Alternative zum Dewargefäß wäre z.B. eine Styroporbox. Ein gewöhnliches Becherglas erwärmt sich aber von außen wahrscheinlich zu schnell. Die Kältemischung hielt über eine Stunde lang eine Temperatur zwischen -45 und -40 °C, erreichte aber nicht den Literaturwert von unter -50 °C, da die Bedingungen nicht ideal waren. Nach dem Versuch stellte ich fest, dass am Boden des Isoliergefäßes noch größere Salzkristalle vorhanden waren. Optimal wäre es, bei der Herstellung vom Calciumchlorid-Hexahydrat noch besser lösliche, also kleinere Kristalle zu bekommen, indem etwas mehr Wasser eingesetzt und konstant gerührt wird. Zudem sollte das trockengesaugte Salz am besten noch über Schwefelsäure getrocknet werden.


Entsorgung:

Die Ampullen einige Minuten auf -40 °C abkühlen, öffnen und unter dem Abzug oder im Freien das Chlor entweichen lassen.


Erklärung:

Das Granulat in Raumentfeuchtern ist in der Regel Calciumchlorid-Dihydrat. Nach Zugabe von Wasser kristallisiert unter 30 °C das Hexahydrat:

CaCl2 · 2 H2O + 4 H2O → CaCl2 · 6 H2O

Trichlorisocyanursäure und Salzsäure bilden Chlor:

(OCN-Cl)3 + 3 HCl → 3 Cl2 ↑ + (OCN-H)3

Das Chlor hat eine Siedetemperatur von -34,6 °C. Mit einer Kochsalz-Eis-Mischung lässt sich aber nur eine Temperatur von -21 °C erreichen. Die Kühlwirkung einer Kältemischung aus Schnee/Eis und einem Salz beruht auf dem endothermen Effekt beim Auflösen des Salzes. Um die Ionen aus dem Salz zu lösen, müssen die starken Ionenbindungen überwunden werden, was dem System Energie entzieht. Gleichzeitig entstehen neue Bindungen zwischen Wassermolekülen und den freigesetzten Ionen, wodurch Energie freigesetzt wird. Ist der zweite Effekt kleiner als der erste, wird dem System Wärmeenergie entzogen und die Mischung kühlt sich ab. Unter Standardbedingungen benötigt 1 mol Natriumchlorid zum Auflösen in Wasser eine Energie von 4 kJ. Im Calciumchlorid-Hexahydrat sind die Calcium-Ionen bereits mit Wasser als [Ca(H2O)6]2+ koordiniert, weshalb beim Auflösen nur noch die Chlorid-Ionen solvatisiert werden und weniger Energie freigesetzt wird. Unterm Strich wird deshalb mit 15 kJ/mol dem System mehr Energie entzogen als beim Natriumchlorid. In beiden Kältemischungen ist eine Entropieerhöhung die treibende Kraft, es sind deshalb exergone Reaktionen. Beim Auflösen des Calciumsalzes nimmt die Entropie aber stärker zu, weil mehr Teilchen in Lösung gehen (Ca2+, 2 Cl-, 6 H2O) als beim Natriumsalz (nur Na+ und Cl-). Die größere Entropiezunahme führt ebenfalls zu einer stärker endothermen Reaktion.

Auch kalter Schnee ist oberflächlich mit einer extrem dünnen Wasserschicht bedeckt, in der sich das Salz löst. In der konzentrierten Salzlake schmilzt der Schnee aufgrund der Schmelzpunkterniedrigung. Die erreichbare Tiefsttemperatur einer Eis/Salz-Kältemischung kann man anhand des Eutektikums von Wasser mit dem jeweiligen Salz ermitteln. Das Eutektikum entspricht einem bestimmten Verhältnis von Salz und Wasser, bei dem der Schmelzpunkt am niedrigsten ist. Für Calciumchlorid-Wasser liegt das Eutektikum bei -54,9 °C und einem Verhältnis von 70 % Wasser und 30 % Calciumchlorid (berechnet als wasserfreies Salz), umgerechnet also 41 % Wasser/Eis und 59 % Calciumchlorid-Hexahydrat.

Diagramm.png
Diagramm.png (31.13 KiB) 796 mal betrachtet
(Datenbasis: erste Literaturstelle)


Bilder:

Raumentfeuchter Calciumchlorid.jpg
Das Raumentfeuchtergranulat aus Calciumchlorid-Dihydrat

Wasser zu Calciumchlorid.jpg
Zugabe der berechneten Menge Wasser

Auflösen vom Calciumchlorid.jpg
Auflösen unter Rühren und Erwärmen

Kristallisation von Calciumchlorid-Hexahydrat im Eisbad.jpg
Kristallisation von CaCl2 · 6 H2O im Eisbad

Brei aus Calciumchlorid-Hexahydrat.jpg
Dicker Kristallbrei

CaCl2 6H2O abnutschen.jpg
Abnutschen

Calciumchlorid-Hexahydrat.jpg
Luftdichte Lagerung in einem Becherglas

Thermoskanne.jpg
Alte Thermoskanne

Thermoskanne geöffnet.jpg
Bei diesem Modell lässt sich das Dewargefäß leicht entnehmen

Dewargefäß.jpg
Das Gefäß ist verspiegelt und doppelwandig, mit einem Vakuum im Zwischenraum

Chlor-Entwickler und Dewar-Gefäß.jpg
Aufbau für die Chlorverflüssigung

Chlorentwicklung.jpg
Chlorentwicklung

Kältemischung Temperatur.jpg
Ampulle im Kältebad mit Gaseinleitungsschlauch

Chlor beginnt zu kondensieren.jpg
Kontrolle der Kondensation des Chlors

Ampulle zuschmelzen.jpg
Zuschmelzen der Ampulle

flüssiges Chlor.jpg
Verflüssigtes Chlor bei Raumtemperatur

Chlor flüssig Makroaufnahme.jpg
Makroaufnahme


Literatur:

Hermann Hammerl (1878) Über die Kältemischung aus Chlorcalcium und Schnee. Sitzungsberichte der Kaiserlichen Wiener Akademie der Wissenschaften, 78, 59-79.
https://www.chemie.de/lexikon/Enthalpie.html
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4ltemischung
https://www.iqb.hu-berlin.de/media/exer ... ufgabe.pdf
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Schnippschnapp
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von Schnippschnapp »

hübsch..von dem Calciumhydrat hab ich auch noch ne Buddel in der Tiefkühltruhe, war mal für Kältefalle gedacht. Hatte ganz schön Probleme, das auszukristallisieren, mal ging es und mal nicht. Mehr als ein nasser Matsch mit paar Kristallen drin ist es nicht geworden.

Ob man jetzt Schwefelchloride herstellen kann, in dem man das Zeug auf Schwefel tropft? Ist ja sonst sehr aufwendig. Wobei die AMpulle kannst ja weder öffnen noch benutzen so wie sie ist, die ist wirklich nur zum angucken.


edit: ach ja 6,7 bar Druck auf dem Teil bei 20 Grad C.^^..sagt zumindest die heinblöd-KI, hatte jetzt keine Lust nachzugucken und zu rechnen..
(edit: hattest du ja erwähnt...erst beim 2ten mal gesehen...Borsilikat hab ich gar nicht richtig verformt bekommen mit meinem Brenner. Ich denk mal neben andere Chemikalien wirst du die Ampullen trotzdem nicht legen..)
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MarbsLab
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von MarbsLab »

Sehr schöner und interessanter Artikel, Ralf :thumbsup: . Auf den Fußspuren von Michael Faraday, der das Chlor erstmals 1823 in flüssiger Form darstellte :) .
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Ralf
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von Ralf »

Danke. :D Michael Faraday kannte diese Kältemischung anscheinend noch nicht, weil er das Chlor durch Druckerhöhung verflüssigte. Heutzutage machen das alle (auf youtube und Co.) immer mit Trockeneis. Also diese Kältemischung scheint auch heute noch nicht sehr bekannt zu sein.

@Schnappi: bei dir war die Lösung wohl übersättigt. Dazu neigt dieses Salz leider. Ich habe mir deshalb ein paar Kristalle vom Hexahydrat aufgehoben. Falls es mal Probleme beim Kristallisieren gibt, kann man so einen Impfkristall einfach in die kalte Lösung geben, umrühren und dann kristallisiert alles. Mein CaCl2-Dihydrat war mit ein bisschen Calciumcarbonat verunreinigt. Bestimmt hat das als Kristallisationskeim gewirkt, weshalb ich keine Probleme hatte.

Für Arbeiten mit Chlor würde ich lieber einen Chlorentwickler aufbauen. Und für Arbeiten mit flüssigem Chlor würde ich das auch direkt vorher herstellen und in der Kältemischung lassen bis zur Verwendung kurz danach. Wo ich die Ampullen lagere, weiß ich noch nicht. Eigentlich sind sie aber sicher.
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lemmi
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von lemmi »

Schöner Artikel, gefällt mir sehr gut! Ein paar konkrete Angaben zu den Glasrohren, die du für die Ampullen verwendet hast, wären noch hilfreich (Durchmesser und Wandstärke/Innendurchmesser).

Bei welcher Temperatur wird Chlor eigentlich überkritisch? Kann man das mit den Präparaten demonstrieren, oder würde dabei der Druck in den Ampullen doch zu hoch?

EDIT: Gasverflüssigung nach Faraday - leider wie alle Artikel von Pok ohne Bilder.
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schlemmiloom
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von schlemmiloom »

Wirklich sehr schön der Artikel, da steckt eine ganze Menge an Arbeit und auch an Hintergrundwissen drin.
Das Einzige was mich etwas wundert, bzw. stutzig macht, ist folgender Satz.
Ralf hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 04:19 Zudem sollte das trockengesaugte Salz am besten noch über Schwefelsäure getrocknet werden.
Stimmt das wirklich so, oder würde die Schwefelsäure das Hexahydrat nicht weiter entwässern?
Dann wäre man wieder am Anfang und müsste von vorne anfangen. :)
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mgritsch
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von mgritsch »

Sehr schön dokumentiert! :thumbsup:
Ralf hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 04:19 aus Calciumchlorid-Dihydrat bestehendem Raumentfeuchtergranulat
Ist das so? Ich hätte hier eher wasserfreies erwartet, schon allein wegen der besseren Trockenwirkung und ich vermute auch leichtere individuelle Herstellung…
Steht eine CAS drauf? Kleine Analyse? ;)
grob gepulverte Trichlorisocyanursäure
Das ist immer eine PITA, hast du gute Tipps wie man die 200 g Blöcke (außer brutal mit dem Hammer, unter entsprechenden Verlusten…) gut gepulvert bekommt?
welches mit Körnchen von wasserfreiem Calciumchlorid befüllt ist.
ei sieh da ;)
bedenkenlos bei Raumtemperatur lagern. Der Druck im Innern beträgt dann ungefähr 7 bar.
Wie hast du den Druck ermittelt bzw. kennst du die Dampfdruckkurve über RT hinaus (wie hoch steigt der Druck beim Erwärm-Test?)
Wie hoch würdest du die Druckfestigkeit von Glas einschätzen?
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Ralf
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von Ralf »

Danke euch. :D
Die CAS ist auf der Verpackung leider nicht angegeben. Um das wasserfreie CaCl2 fürs Trockenrohr zu bekommen, musste ich das Granulat aber erst noch entwässern. Ich habe es nicht gemessen, aber Dihydrat kommt gut hin, auch beim Vermischen mit Wasser. Ich bin ja fast äquimolar vorgegangen und hatte sogar noch etwas überschüssiges Wasser (enthalten in den ca. 100 ml Filtrat). Das Dihydrat ist bestimmt einfach mit höheren Hydraten verunreinigt, aber wasserfrei ist das Granulat jedenfalls nicht.

Das TCCA habe ich ebenfalls aus 200 g schweren Tabletten. Leider weiß ich auch nichts besseres als Hammer und Plastiktüte. Meine Verluste waren damit minimal.

Die Dampfdruckkurve habe ich aus dem Internet. Im Drucktest kam ich so auf grob 25 bar. In einem youtube-Video wurden dünnerwandige Ampullen getestet und sie hielten 85 bar stand. Nur habe ich nicht so ein großes Vertrauen in meine "Zuschmelzstelle".

@lemmi: die dünne Ampulle ist 1 cm und die dicke 1,5 cm im Durchmesser. Die Wandstärke ist ungefähr 2 mm, muss ich noch nachmessen an den Glasrohren, die noch da sind. Der kritische Punkt ist bei 144 °C. Die 77 bar beim kritischen Punkt sind schon deutlich mehr als die 25 bar im Test. Falls da was platzt, fliegen bestimmt Splitter. Leider weiß ich wie gesagt nicht, ob die den hohen Druck aushalten. Mit der großen Ampulle traue ich mich das nicht, vielleicht mit der kleinen.

Den Artikel von Pok habe ich überflogen. Da kommt man ohne Kältemischung aus, aber das Chlor ist offensichtlich mit Wasser vermischt.
schlemmiloom hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 19:22 Stimmt das wirklich so, oder würde die Schwefelsäure das Hexahydrat nicht weiter entwässern?
Das Salz ist zum Glück nicht empfindlich gegen Verwitterung. Im Buch steht:
...es werden daraus Krystalle von der Zusammensetzung CaCl2+6H2O. Diese wurden nun über Schwefelsäure im luftverdünnten Raume getrocknet, fein gepulvert und in ein Glasgefäss gefüllt , welches luftdicht verschlossen werden musste , weil das Salz an der Luft zerfliesst.
Wenn das das einzige ist, was dich stutzig macht, ist ja gut. :wink: Mich stört mehr die unbefriedigende Erklärung für die starke Kühlwirkung. Zum Beispiel reicht in der Kochsalz-Eis-Mischung (1:3) eine Lösungsenthalpie von 4 Kilojoule pro mol NaCl eigentlich gar nicht aus, um so viel Wasser von 0 auf -21 °C abzukühlen, wenn ich das richtig überschlagen habe. Gleiches Problem beim Calciumchlorid-Hexahydrat mit den 15 kJ/mol. Die Lösungsenthalpie von Ammoniumnitrat ist noch größer, aber man kann nicht so tiefe Temperaturen damit erreichen. Unsicher bin ich mir auch, ob die Erklärung mit der Entropie (Anzahl der freigesetzten Teilchen) richtig ist. Die freigesetzten Teilchen sind ja eigentlich beim NaCl/Eis-Versuch viel mehr, weil dort viel mehr Eis zum Einsatz kommt und viel mehr Wassermoleküle in Lösung gehen.

Im Buch gibt es komplizierte Formeln, mit denen man irgendwie die Endtemperatur ableiten können soll. Aber die scheinen mir eher empirischer Natur zu sein und nicht wirklich was mit physikalischen Formeln zu tun zu haben (vieles wusste man damals ja auch noch nicht).
Chemie ist das, was knallt und stinkt, doch selten nur gelingt.
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Schnippschnapp
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von Schnippschnapp »

Kauf die Packs aus dem Budni, da ist wasserfreies CaCl2 drin.
.es werden daraus Krystalle von der Zusammensetzung CaCl2+6H2O. Diese wurden nun über Schwefelsäure im luftverdünnten Raume getrocknet, fein gepulvert und in ein Glasgefäss gefüllt , welches luftdicht verschlossen werden musste , weil das Salz an der Luft zerfliesst.
Macht mich auch stutzig, hätte so nicht gedacht, dass das geht. Und Vakuum auch noch. Letztens erst im Buch gelesen, mit konz. Schwefelsäure kannst du sogar Natriumsulfid-Hydrate ins Wasserfreie überführen. (Vielleicht ist es in der Anleitung so gedacht, dass die Menge an Schwefelsäure genau berechnet ist, um gerade so einige g Wasser aufzunehmen und nicht mehr.
Bzw. fast wasserfrei, ein paar % bleiben immer. Also beim Na2S. Also mit Schwefelsäure kann man Hydrate "auflösen". Und wie trocknet man, wenn man ein Hydrat behalten will, aber halt ein "trockenes" Hydrat haben will, das nicht klumpt etc? :wink:
Geht wohl nur Luftstrom unterhalb der Zersetzung/Schmelztemperatur. Aber kein Trockenmittel. Oder nur wenig.

edit: ach ja dabei schmilzt das Hexahydrat ja schon bei 30 Grad. Und im Vakuum ("Verdünnte Luft/Druck", komische Ausdrucksweise) noch eher.
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schlemmiloom
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von schlemmiloom »

Ralf hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 20:26 Mich stört mehr die unbefriedigende Erklärung für die starke Kühlwirkung. Zum Beispiel reicht in der Kochsalz-Eis-Mischung (1:3) eine Lösungsenthalpie von 4 Kilojoule pro mol NaCl eigentlich gar nicht aus, um so viel Wasser von 0 auf -21 °C abzukühlen, wenn ich das richtig überschlagen habe.
Aus praktischer Sicht würde ich das folgendermaßen behandeln.
Wenn ich Eis aus einem Gefrierschrank nehme, um damit eine Kältemischung herzustellen, dann hat das Eis normalerweise auch eine niedrigere Temperatur als 0°C. Allzu genau hab‘ ich mir über deine thermodynamischen Überlegungen aber ehrlich gesagt auch keine Gedanken gemacht.
Da hatte ich vielleicht etwas zu viel Vertrauen. Das ist aber nicht so sicherheitsrelevant, daher kann ich mir das auch verzeihen.
Das detaillierte Korrekturlesen deines Artikels dürfen gerne Andere übernehmen. :angel:
Solche physikalisch chemischen Fragestellungen sind aus theoretisch fachlicher Sicht aktuell nicht mein Lieblingsgebiet.
Es gibt Leute die haben dafür „Rechenknechte“ und erledigen die Frage dann nebenher. :)
Ralf hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 20:26 Das Salz ist zum Glück nicht empfindlich gegen Verwitterung. Im Buch steht:

...es werden daraus Krystalle von der Zusammensetzung CaCl2+6H2O. Diese wurden nun über Schwefelsäure im luftverdünnten Raume getrocknet, fein gepulvert und in ein Glasgefäss gefüllt , welches luftdicht verschlossen werden musste , weil das Salz an der Luft zerfliesst.
Na gut, wenn das da steht… :)
Ganz sicher bin ich aber trotzdem noch nicht, ob das mit Schwefelsäure nicht doch noch weiter entwässert werden kann.
Wie konzentriert war die Säure, wie lang war die Trocknungszeit, wie groß war der „luftverdünnte“ Raum.
Wie viel des Salzes wurde über wie viel Säure getrocknet? Wie viel überschüssiges Wasser war vorher noch vorhanden?
Oder hast du noch genauere physikochemische Daten, um das rechnerisch untermauern zu können, dass man das mit Schwefelsäure nicht weiter als bis zum Hexahydrat entwässern kann? Aber gut, ich glaube schon, dass das Vorgehen so durchgeführt worden ist.
Das wollte ich nicht bezweifeln. Tut für mich so oder so in diesem Fall nichts zur Sache.
Schnippschnapp hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 21:03 Und wie trocknet man, wenn man ein Hydrat behalten will, aber halt ein "trockenes" Hydrat haben will, das nicht klumpt etc? :wink:
Geht wohl nur Luftstrom unterhalb der Zersetzung/Schmelztemperatur. Aber kein Trockenmittel. Oder nur wenig.
Oder ein schwächeres etwas softeres Trockenmittel nehmen, es müssen nicht immer die harten Geschütze sein.
Schnippschnapp hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 21:03 edit: ach ja dabei schmilzt das Hexahydrat ja schon bei 30 Grad. Und im Vakuum ("Verdünnte Luft/Druck", komische Ausdrucksweise) noch eher.
Dieses Schmelzen ist, glaube ich, eher ein Abgeben und anschließendes sich lösen im eigenen Kristallwasser, also igendwie eher etwas Besonderes im Vergleich zu vielen anderen Salzen.
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lemmi
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von lemmi »

Ralf hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 20:26 die dünne Ampulle ist 1 cm und die dicke 1,5 cm im Durchmesser. Die Wandstärke ist ungefähr 2 mm, muss ich noch nachmessen an den Glasrohren, die noch da sind. Der kritische Punkt ist bei 144 °C. Die 77 bar beim kritischen Punkt sind schon deutlich mehr als die 25 bar im Test. Falls da was platzt, fliegen bestimmt Splitter. Leider weiß ich wie gesagt nicht, ob die den hohen Druck aushalten. Mit der großen Ampulle traue ich mich das nicht, vielleicht mit der kleinen
Außen- oder Innendurchmesser (vermutlich Außen)? Dann wären 2 mm Wandstärke echt viel, das glaube ich noch nicht.
Nee, 77 Bar würde ich auch nicht riskieren. Nicht nur der Splitter sondern auch des Chlors wegen.

Zur Lösungskälte. Da spielen außer der Lösungsenthalpie noch zwei Effekte eine Rolle: Zunächst muss Eis schmelzen , um das Salz lösen zu können. Dabei (bei der Überführung von Eis von 0 °C in Wasser von 0 °C) werden 333 J/g gebunden. Zweitens muss man, um Eis zu erwärmen / abzukühlen, nur 2,1 J/g aufwenden. Das ist die Hälfte von Wasser.
Vielleicht kommt's hin, wenn du das damit nochmal durchrechnest :wink:
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von Ralf »

Die Messwerte der Ampullen sind:
aus dickem Glasrohr: 1,5 cm Außendurchmesser und 1,0 cm Innendurchmesser
aus dünnem Glasrohr: 1,0 cm außen und 5,5 mm innen

Die Schmelzwärme von 333 Joule pro Gramm Eis sind ja extrem viel. Geteilt durch die 2,1 Joule pro Gramm Eis (Wärmekapazität) käme man alleine durch diesen Effekt bei der NaCl/Eis-Kältemischung auf -158 °C. Also das kommt nicht hin. Die Lösungsenthalpie vom NaCl alleine brächte nur -10 °C zustande, wenn man mit den 2,1 Joule (Eis-Wärmekapazität) rechnet.

Die erreichbare Tiefsttemperatur kann man ja, wie ich im Text schon geschrieben habe, aus der empirisch bestimmbaren Gefrierpunkterniedrigung ablesen. Ich verstehe aber nicht, warum Calciumchlorid/Wasser bei deutlich niedrigerer Temperatur erstarrt (-55 °C) als NaCl/Wasser (-21 °C). Wir haben in beiden Fällen konzentrierte Lösungen, bei denen die Berechnung der Gefrierpunkterniedrigung nicht so einfach ist.

Also mir ist der theoretische Hintergrund ein Rätsel. Unbefriedigend, aber sicher, würde ich den Unterschied beider Kältemischungen jetzt nur so erklären: Die endotherme Reaktion beider Kältemischungen läuft freiwillig ab, weil die Entropie durch freigesetzte Teilchen (Ionen + Wassermoleküle) erhöht wird. Das ist die Triebkraft der Reaktionen. Und der Unterschied zwischen Ca- und Na-Salz kommt daher, dass Calciumchlorid den Gefrierpunkt von Wasser stärker senkt als NaCl.
Schnippschnapp hat geschrieben: Samstag 31. Januar 2026, 21:03 Kauf die Packs aus dem Budni, da ist wasserfreies CaCl2 drin.
Woher weißt du das? Wegen der CAS-Nummer? Stimmt oft nicht. Ich wette, es ist auch in diesen Packs das Dihydrat drin.
Chemie ist das, was knallt und stinkt, doch selten nur gelingt.
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Schnippschnapp
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Re: Verflüssigung von Chlor

Beitrag von Schnippschnapp »

ok ich werds mal nachprüfen ob es Wasser lässt beim heiss machen.

HimmelKruzitürke es ist wirklich kein wasserfreies...bin wohl einfach von ausgegangen, weil hinten CaCL2 draufsteht und ich dachte, warum sollen die die Wasseraufnahme damit senken..ist wohl Sparmassnahme. Oder vielleicht auch iwas mit Sicherheit, wer weiss.
Ausserdem ist das wasserfreie farblos, das Dihydrat weiss, so wies aussieht hab ich noch nie wasserfreies gesehen...

edit:
Form und Stabilität: Wasserfreies Calciumchlorid liegt als farblose, hygroskopische Kristalle vor und neigt stärker zu Veränderungen bei Feuchtigkeit. Das Dihydrat ist weniger anfällig für Verklumpungen und bleibt bei Transport und Lagerung stabiler.
ei super, warum verklumpt es wohl weniger.. :?
dürfte ein schlechteres Trockenmittel sein, zumindest für den Exsikkator...jetzt darf ich erstmal wieder köcheln, ab 260 C. aufwärts...
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