Bei einem Spaziergang durch Bogotá fand ich auf der Plaza de Bolivar einen mobilen Verkaufsstand, an dem ein netter Mensch diverse Kräutermittelchen anbot. Aufmerksamkeit weckte die Auslage durch große Plakate, auf denen Cannabis- und Koka-Präparate angeboten worden, aber das eigentlich Interessante war etwas anderes. Auf dem Tisch war eine ganze Reihe, offensichtlich für eine männliche Kundschaft bestimmter, “natürlicher Stärkungsmittel“ ausgestellt. Neben großen Flaschen deren Etiketten pornografische Darstellungen zierten, lagen dort eine Reihe kleiner Plastikdosen, die in Folie eingeschweißt waren und so vielversprechende Namen wie Vitafer, El Toro (“der Stier“) und Mero Macho (schwer zu übersetzen, so etwa “pures Mannsein“) trugen. Vor allem letzteres wurde mir als hervorragend wirksam angepriesen. Jede Schachtel kostete 5000 COP (etwa 1 Euro). Ich kaufte eine von jeder Sorte, und der nette Mensch schenkte mir mit einem Augenzwinkern eine weitere dazu. Offenbar versprach er sich davon, dass ich als Multiplikator tätig werden würde.
Natürlich erregen die Produkte sofort den Verdacht, dass hier gepanscht wird. Seit der Markteinführung von Sildenafil (Viagra®) ist die Substanz weltweit als nicht deklarierter Bestandteil in “Naturmitteln“ zur Steigerung der männlichen Potenz nachgewiesen worden. Auch andere Analoga, wie Tadalafil, sind aufgetaucht, aber Sildenafil ist auf diesem grauen Arzneimittelmarkt der absolute Marktführer. Die Analyse bzw. der Nachweis des Wirkstoffes war also nicht allzu herausfordernd, doch wollte ich auch eine quantitative Bestimmung druchführen. Der Kontext ist ebenfalls interessant.
Material/Geräte:
Reagenzgläser, Stopfen, Ausrüstung für horizontale DC, Pipetten, Messzylinder, kleine Soxhlet-Apparatur (50 ml), Wasserbad, Destilliervorrichtung, Aquarien-Luftpumpe, Analysenwaage, Magnetrührer, Bürette, Messpipette 10 ml,
Chemikalien:
Aceton

Ammoniaklösung 25 %

Ethylacetat

Methanol

Iodlösung 0,1 N

Benedikts Reagenz

basisches Kupfercarbonat

Kupfersulfatlösung 5 %

Natronlauge 3N und 0,1 N

Salzsäure 0,1 N

Methylrot-Mischindikator Ph. Eur.

Analysengut:
Angeblich pflanzliche Potenzmittel in Tablettenform
Beschreibung der untersuchten Tabletten:
Die Döschen sind (neben dem Inhalt, der - es sei vorweggeschickt - bei allen identisch ist) besonders durch ihre Aufmachung interessant. Sie sind 23 x 27 mm groß und 11 mm hoch, von roter oder goldener Farbe und von einer dünnen Plastikhülle umgeben, die mit Angaben zur (angeblichen) Zusammensetzung und Einnahmehinweisen bedruckt ist. Man benötigt eine Lupe um sie richtig lesen zu können. Auf dem Etikett von Mero Macho heißt es beispielsweise:
“Dosierung: eine Tablette 45 Minuten vor der Aktivität einnehmen
Indikation: Coadyuvans, natürliches Stärkungsmittel
Zusammensetzung: jede Tablette enthält Extrakt aus Miura Puana-Rinde 125,000 mg. Extrakt
Aus Tribulus Terrestris-Früchten 150,000 mg. Damnacantal 100,000 mg. Damiana 125,000 mg. Catuama 50,000 mg. Maca 50,00 mg. Borojó 50,00 mg. Pollen 25,000 mg. Ginseng 75,000 mg. Gelee Royale 50,000 mg.“
Macht zusammen 800 mg (die Nachkommastellen stehen da wirklich!). Dass die Tabletten im Durchschnitt knapp 260 mg wiegen … geschenkt! Spannend ist die bunte Zusammenstellung von altbekannten und neuen Naturprodukten, denen eine günstige Wirkung auf die Manneskraft nachgesagt wird. Miura puana ist ein Baum aus Brasilien, der in Deutschland als “Potenzholz“ bekannt wurde. Borojó ist eine in Südamerika weithin verzehrte, mispelartige Frucht (die m.E. scheußlich schmeckt), der ebenfalls aphrodisierende Eigenschaften nachgesagt werden. Pollen, Gelee royale und Ginseng sind allgemein als biologische Wundermittel bekannt. Maca bezieht sich auf die aus Peru stammende Pflanze Lepidium meyenii, der dasselbe zugeschrieben wird. Catuama (eigentlich Catuaba) ist eine Mischung diverser Baumrinden aus Brasilien mit angeblich potenzstärkender Wirkung. Damnacantal und Damiana musste ich erstmal googeln. Letztere ist eine mexikanische Heilpflanze (Turnera diffusa), und ersteres ein Anthrachinonderivat, das in der Wurzel der indischen Maulbeere Morinda citrifolia vorkommt.
Dem Verbraucher wird versichert:
“Kontraindikationen: beim Gebrauch dieses Produktes sind keine Kontraindikationen oder unerwünschte Wirkungen bekannt geworden.“
Wäre ja auch noch schöner, bei einem so reinen Naturmittel!
Die Liste der betrügerischen Angaben ließe sich fortsetzen. So findet sich eine – sicher fiktive – Registriernummer des Mittels (angeblich bei der ecuadorianischen Gesundheitsbehörde) und ein Herstellungs- sowie ein Verfallsdatum. Mit Mero Macho reist man zurück in die Zukunft: ich habe die Tabletten zwei Monate vor dem angegebenen Herstellungsdatum gekauft! Interessant ist auch die grafische Gestaltung. Das Emblem erinnert an eine rechtspopulistische deutsche Partei. Der nach oben gebogene Pfeil soll eine energische Wende zurück zu einer Größe symbolisieren, die in dieser Form nie existiert hat. Die Alternative für alle, die keinen hochkriegen.
Die Aufmachung der beiden anderen Präparate steht demgegenüber an Subtilität und Kreativität weit zurück. El Toro bedient sich einfach des Stiers als Symboltier für Potenz. Auch die Gebrauchsanweisung ist klar und unverblümt “Dreißig Minuten vor dem Koitus einnehmen“ steht da. Man muss schon die Uhr stellen! Vitafer schließlich zeigt einen stilisierten Löwen und enthält angeblich nur Vitamine und Mineralstoffe. Der Name verheißt eine Stählung des Lebens (lateinisch vita = Leben, ferrum = Eisen) oder vielleicht denken die Latinos dabei auch an das spanische feroz = wild, gewaltsam. Die Aufmachung ist von einem legalen Multivitaminpräparat gleichen Namens abgekupfert und die angegebene Zusammensetzung ebenfalls. Darin sind u.a. PHB-Ester als Konservierungsstoffe genannt, die nur in flüssigen Zubereitungen einen Sinn machen.
Im Inneren der Schachteln befinden sich jeweils drei (nicht, wie auf der Umhüllung angegeben, zwei!) identische Tabletten. Sie messen 9 mm im Durchmesser und 4 mm in der Höhe und sind leicht bikonvex geformt, hellgrau mit einigen dunkleren Sprenkeln. Ihr Gewicht schwankt (ich habe 9 Stück ausgewogen) zwischen 249 und 266 mg. Die Tabletten sind sich dermaßen ähnlich, dass man eine einheitliche Herkunft annehmen muss. Wie sich zeigte, ist auch die Zusammensetzung identisch, mindestens qualitativ.
Analyse der Inhaltsstoffe:
In der Analysenbeschreibung werden die Namen der Proben wie folgt abgekürzt:
Mero Macho = MM
El Toro = ET
Vitafer = VF
1. Tablettenmatrix:
Die Tabletten lassen sich leicht zu einem hellgrauen Pulver zerreiben. Je 100 mg wurden mit 3 ml Wasser geschüttelt und erwärmt. Das Pulver löste sich in allen Fällen nahezu vollständig auf. Die neutral reagierenden, trüben Flüssigkeiten wurden zentrifugiert und der Bodensatz mikroskopiert. Er sah bei MM und VF gleich aus, bei ET etwas verschieden:
Bodensatz einer Lösung von MM und VF-Tabletten
Bodensatz einer Lösung von ET-Tabletten
Identifizierbare Pflanzenbestandteile lassen sich nicht erkennen. Das mikroskopische Bild lässt an Zellulose denken. Mikrokristalline Zellulose ist ein häufig verwendeter Hilfsstoff bei der Tablettenherstellung. Daher wurden die Lösungen dekantiert und der Bodensatz jeweils mit 1 ml Schweizers Reagenz (Anm. 1) geschüttelt. Es entstand jedes Mal eine klare Lösung, auch nach Verdünnen mit der doppelten Menge Wasser:
Klare Lösung von Zellulose in verdünntem Schweizers Reagenz
Der Überstand wurde in drei Teile geteilt. Zum ersten Drittel wurde jeweils ein Tropfen Iodlösung gegeben, was lediglich eine gelbbraune Farbe hervorrief. Das zweite Drittel wurde mit 3 ml Benedikts Reagenz versetzt und im Wasserbad erhitzt. In allen Fällen trat rasch eine Reduktion des Kupfers zu Kupfer(I)-oxid ein. Der dritte Teil wurde mit 3 Tropfen Kupfersulfatlösung und dann tropfenweise mit Natronlauge versetzt. Es entstand eine blaue, aber keine violette Färbung. Die Matrix enthält also gemahlene Zellulose, einen reduzierenden Zucker (in Tabletten wird meist Lactose verwendet) und keine Stärke oder Gelatine.
Test auf Stärke mit Iod
Test auf reduzierende Zucker mit Benedikts Reagenz
Der Zucker wurde dann dünnschichtchromatographisch identifiziert, wie es bei der Analyse von MaXdream beschrieben wurde. Das Chromatogramm bestätigt den Verdacht, dass es sich hier um Lactose handelt:
DC Kohlenhydrate, v.l.n.r.: Glucose - Fructose – MM – ET – VF – Saccharose – Lactose
2. Nachweis von Sildenafil:
Zunächst wurde geprüft wie sich die in Frage kommenden Wirkstoffe Sildenafil und Tadalafil nachweisen lassen. Dazu wurde käufliche Tabletten gepulvert und einmal mit Aceton, einmal mit Methanol geschüttelt. Sildenafil wird als Citrat angewandt, weswegen bei der Sildenafiltablette zugleich ein Tropfen Ammoniaklösung zugegeben wurde, um die Base freizumachen. Es zeigte sich, dass sich die Wirkstoffe in beiden Lösungsmitteln ausreichend gut lösen, um für eine DC geeignete Proben zu erhalten (Anm. 2). An Fließmitteln wurden zwei Zusammensetzungen aus der Literatur vergeblich geprüft (Anm. 3). Schließlich fand ich, dass das Pharmaka-Standardlaufmittel (Ethylacetat 8,5 + Methanol 1,0 + Ammoniaklösung 0,5) gute Resultate zeitigt. Beide Substanzen bewirken eine Fluoreszenzlöschung (Rf für Sildenafil ca. 0,35, für Tadalafil ca. 0,5). Sildenafil lässt sich außerdem mit Dragendorffs Reagenz anfärben, Tadalafil dagegen nicht.
Nun wurden je 50 mg der gepulverten Tabletten mit 50 µl Ammoniaklösung und 5 ml Aceton in Reagenzgläser gegeben, im Wasserbad kurz erwärmt, verschlossen, geschüttelt und 1 Stunde stehen gelassen. Der klare Überstand dient als Untersuchungslösung.
DC mit Standardlaufmittel, v.l.n.r.: Sildenafil – MM – ET – VF – Tadalafil
Die Anwesenheit von Sildenafil in allen untersuchten Tabletten ist damit erwiesen. Die Konzentration der Vergleichslösungen betrug ca. 1 mg/ml, die der Untersuchungslösungen ist offenbar höher. Wenn man eine doppelt so hohe Konzentration annimmt, errechnet sich ein Sildenafilgehalt von etwa 50 mg pro Tablette – eine übliche pharmakologische Dosis.
2.1 Quantitative Bestimmung von Sildenafil:
Um den Gehalt der Präparate quantitativ zu bestimmen, wurden 4 Tabletten (zweimal MM und je einmal ET und VF) pulverisiert und in einem kleinen Soxhlet zunächst mit einer Mischung aus 0,5 ml Ammoniaklösung und 25 ml Aceton übergossen, eine halbe Stunde mazeriert und dann nach Zugabe weiterer 30 ml Aceton binnen einer Stunde erschöpfend extrahiert. Die klare Lösung wurde in einem gewogenen Kolben destillativ eingeengt. Der gelbliche Rückstand wog 149,8 mg. Da er noch leicht nach Ammoniak roch wurde er von den Kolbenwänden abgekratzt, aber im Kolben belassen, dieser in warmes Wasser gestellt und Luft durchgeleitet, bis der Ammoniakgeruch völlig verflogen war. Nach dem Abkühlen wurden 10,0 ml 0,1 N Salzsäure in den Kolben pipettiert. Der Rückstand löste sich nur zum kleinen Teil. Nun wurden 5 ml Wasser zugegeben, der Kolben verschlossen und unter Rühren kurz im heißen Wasserbad erhitzt. Es bildete sich eine klare gelb-bräunliche Lösung, die sich beim Abkühlen erneut trübte. Es wurden zwei Tropfen Methylrot-Mischindikator zugegeben und mit 0,1 N Natronlauge bis zum Verschwinden der rotvioletten Farbe titriert. Der Umschlag erfolgte scharf. Es wurden 6,9 ml NaOH verbraucht. Ein Milliliter 0,1 N HCL entspricht 47,46 mg Sildenafil, somit 3,1 x 47,46 = 147 mg. Der Wert stimmt sehr gut mit dem Wägeergebnis überein. Leider habe ich den Kolben nach dem Durchleiten der Luft nicht erneut gewogen. Es ist gut möglich, dass dabei noch ein geringer Gewichtsverlust eingetreten war.
Anmerkungen:
1. Schweizers Reagenz wurde ex tempore hergestellt indem 1 Reagenzglasrundung basisches Kupfercarbonat in 1,5 ml conc. Ammoniaklösung und 2,5 ml Wasser gelöst wurden.
2. bei Raumtemperatur habe ich für die gesättigten Lösungen eine Konzentration von 19 mg Sildenafil/ml Aceton und 0,5 mg Tadalafil/ml Aceton gefunden. Die Löslichkeit in der Wärme ist deutlich besser, so dass beide Substanzen aus der acetonsichen Lösung beim Erkalten teilweise auskristallisieren.
3. die getesteten Laufmittel waren: Methanol + Wasser + Ammoniaklösung = 75 + 20 + 5 [3], und Chloroform + Methanol + Diethylamin = 80 + 20 + 2[1],[2]. In ersterem liefen die Substanzen alle an der Laufmittelfront. Mit dem zweiten lagen die Spots bei einem Rf um 0,8 und zwischen Sildenafil und Tadalafil fand sich kein Unterschied.
Entsorgung:
Die kupferhaltigen Flüssigkeiten kommen zu den anorganischen Abfällen. Die austritrierte Lösung wird mit dem Abwasser entsorgt.
Erklärungen/Diskussion:
Die untersuchten Produkte sind alle sehr ähnlich zusammengesetzt: die Tablettenmatrix besteht aus einem Gemisch aus Milchzucker und feingemahlener/mikrokristalliner Zellulose, wobei dieselbe bei zweien der drei Präparate offenbar von minderer Qualität ist. Weiter enthalten die Tabletten Sildenafil. Die Detektion dieses Stoffes ist durch seine Fluoreszenzlöschung bei Anwendung des Standardlaufmittels gut möglich, ebenso die Differenzierung von Tadalafil.
Die Quantifizierung von Sildenafil gelingt über eine Rücktitration mit 0,1 N Natronlauge nach Lösen der isolierten Substanz in 0,05 N - 0,1 N Salzsäure in der Wärme. Sildenafil besitzt einen pkB-Wert von 5,3.[4] Für eine 0,025-molare Lösung errechnet sich daraus ein pH am Äquivalenzpunkt von 5,6, so dass Methylrot, bzw. der Mischindikator nach Tashiro, für die Titration geeignet ist. Da ich 4 Tabletten aus verschiedenen Schachteln zusammen analysiert habe, ist der gefundene Wert von knapp 37 mg pro Tablette nur ein Durchschnittswert (es ist möglich, dass die mir als besonders wirksam angepriesenen Tabletten des Mero Macho 50 mg enthalten und die anderen beiden nur je 25 mg). Jedenfalls ist die angegebene Titrationsmethode befriedigend genau.
Seit Menschengedenken gibt es Bemühungen, der schwächelnden männlichen Potenz – im medizinischen Sprachgebrauch als erektile Dysfunktion (ED) bezeichnet – nachzuhelfen. Die Vielzahl der aus allen Kulturen bekannten traditionellen Mittel legt davon Zeugnis ab. Diese Substanzen haben ganz überwiegend eine symbolische Wirkung (Tigerpenis, gepulvertes Nashorn), manche wirken reizend auf den Urogenitaltrakt (die berühmten Spanischen Fliegen mit dem Wirkstoff Cantharidin) oder haben schwache gefäßerweiternde Wirkungen (wie das Alkaloid Yohimbin aus der Yohimberinde). Keines dieser Präparate hat eine nachweisbare, spezifische Wirkung bei ED, dagegen besitzen sie teilweise gefährliche Nebenwirkungen. Cantharidin kann bereits in niedrigen Dosen zu Nierenschäden und Yohimbin zu gefährlichen Kreislaufreaktionen (Blutdruckabfall) führen. Die Situation änderte sich grundlegend erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts durch die Entdeckung der PDE-5-Hemmer, die auf einem Zufall beruht.
Sildenafil war als Inhibitor des Enzyms Phosphodiesterase-5 gezielt entwickelt worden, weil man sich einen therapeutischen Nutzen der gefäßerweiternden Substanz auf die Durchblutung der Herzkranzgefäße versprach. Leider verliefen entsprechende klinische Studien negativ. Bei Studienende fiel jedoch auf, dass sich mehrere männliche Probanden weigerten, die ihnen überlassenen Testtabletten zurückzugeben. Interviews mit den Studienteilnehmern ergaben, dass sie eine potenzsteigernde Wirkung bemerkt hatten.[5] In der Folge wurde diese zur eigentlichen Indikation ausgebaut, und 1998 kam Viagra® als erster PDE-5-Hemmer zur Behandlung der ED auf den Markt. Die Wirkung beruht in der Tat auf einer Gefäßerweiterung, in diesem Falle der venösen Gefäße des Corpus cavernosum des Schwellkörpers im Penis. Später wurde erkannt, dass auch die Lungenarterien auf die Substanz reagieren. Der Lungenbluthochdruck – die primäre pulmonale Hypertonie – wurde zu einer zweiten Indikation für die Gabe von Sildenafil. Weiter hat es sich zur Prophylaxe und Behandlung des Höhenlungenödems bewährt.
Sildenafil wirkt, wie gesagt, gefäßerweiternd über eine Hemmung der Phosphodiesterase. Dieses Enzym spaltet das cyclische Guanosinmonophopshat (cGMP), das die physiologischen Wirkungen vermittelt, zu einfachem Guanosinphosphat, welches diese Wirkungen nicht besitzt. Die Synthese von cGMP in den Zielzellen wird ihrerseits durch endogen gebildetes NO (Stickstoffmonoxid) stimuliert. Die NO-Freisetzung kann ebenfalls pharmakologisch beeinflusst werden, z.B. durch Gabe einfacher organischer Nitrate, wie Glyceroltrinitrat oder die Isosorbidnitrate. Die Nitrate, die schon seit über 100 Jahren zur Behandlung der Angina pectoris bei koronaren Durchblutungsstörungen eingesetzt werden, können bei gleichzeitiger Anwendung mit PDE-5-Hemmstoffen zu lebensgefährlichen Blutdruckabfällen führen. In der homosexuellen Community ist z.B. Amylnitrit (“Poppers“) in Gebrauch, was schon zu Todesfällen geführt hat.
In der Natur kommen PDE-5-Hemmstoffe offenbar nicht vor. Zumindest nicht in der dem Menschen zugänglichen Biosphäre, andernfalls wären sie im Laufe der Jahrtausende sicher längst identifiziert worden. Wenn Mann also das Bedürfnis hat, der Erektion medikamentös nachzuhelfen, ist Sildenafil eine wirksame Option. Dann allerdings mit ärztlicher Verschreibung und von einem seriösen pharmazeutischen Hersteller - und nicht in Form von pseudo-Naturmitteln zweifelhafter Herkunft und Qualität.
Literatur:
1. Dr. Ehab A. Abourashed: Planar-Chromatographie in der Praxis: Bestimmung von Sildenafil in Arzneimitteln und Aphrodisiaka auf pflanzlicher Basis; CBS 99 – Camag Bibliography Service Sep 2007: 6-7
2. Mikami E, Ohno T, Matsumoto H: Simultaneous identification/determination system for phentolamine and sildenafil in soft drinks advertising roborant nutrition ; Forensic Science international
3. Europäisches Arzneibuch 9.0 ; Monographie „Sildenfailcitrat“
4. Clarkes analysis of Drugs and Poisons, 4th edition, Ed. A.C. Moffart; Pharmaceutical Press 2011, ISBN 978 0 85369 711 4, Volume 2: S. 2055
5. Walter Sneader: Drug Discovery – A History; John Wiley & Sons Ltd. 2005,
ISBN 0-471-89980-1: 135-136