Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

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lemmi
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Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von lemmi »

Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Wenn man an chemische Versuche denkt, stellt man sich normalerweise vor, dass da sofort etwas passiert. Man gibt Essig in Blaukrautsaft und sofort ändert sich die Farbe von Violett nach Rot. Oder man gibt eine Brausepulvermischung ins Wasser und sogleich schäumt sie auf. Es gibt aber auch Versuche, wo scheinbar zunächst einmal gar nichts passiert. Erst nach einer bestimmten Zeit – die der Chemiker bestimmen kann, indem er mehr oder weniger von den Chemikalien nimmt oder die Mischung erwärmt – sieht man plötzlich eine Veränderung. Solche Reaktionen heißen Zeitreaktionen.

Die erste Zeitreaktion entdeckte der Chemiker Hans Heinrich Landolt im Jahre 1886. Deswegen ist der Versuch auch als Landolt’sche Zeitreaktion bekannt. Leider braucht man dafür Chemikalien, die nicht leicht zu beschaffen sind. Es gibt aber eine Möglichkeit, die Landolt’sche Zeitreaktion mit einfachen, in jeder Apotheke erhältlichen, “Zutaten“ zu Hause durchzuführen.


Material/Geräte:

Kleiner Kochtopf, Messbecher, Teelöffel 5 ml, Esslöffel 15 ml, mehrere Trink- oder leere Marmeladengläser, evtl. Uhr mit Sekundenzeiger.


Chemikalien:

Povidon-Iod(PVP-Iod)-Lösung zur Wunddesinfektion aus der Apotheke
- im Folgenden einfach Iodlösung genannt
Vitamin C (Ascorbinsäure)
Stärke
Wasserstoffperoxidlösung 3 %


Sicherheitshinweise:

PVP-Iod-lösung darf man nicht einnehmen und auf Haut und Kleidung hinterlässt sie braune Flecken. Flecken können durch Betupfen mit Vitamin-C-Lösung entfernt werden (danach gleich gut auswaschen!)
Bei Benutzung des Herdes besteht Verbrennungs/Verbrühungsgefahr. Je nach Alter und Geschicklichkeit der experimentierenden Kinder sollte ein Erwachsener ihnen zur Hand gehen, beziehungsweise das Tun der Nachwuchsforscher beaufsichtigen. Dass bei chemischen Experimenten - selbst wenn sie in der Küche stattfinden - nichts nebenher gegessen und getrunken werden darf, sollte man ihnen auf jeden Fall erklären!
Menschen die an einer Schilddrüsenüberfunktion erkrankt sind, sollten den Kontakt mit Iod und Iodverbindungen vermeiden. Bei Kindern kommen solche Erkrankungen aber so gut wie nicht vor.


Versuchsdurchführung:

Hinweis: nicht jeder Teelöffel hält 5 ml Flüssigkeit! Besser vorher ausprobieren! Ein Esslöffel hat normalerweise den dreifachen Rauminhalt eines Teelöffels – auch das sollte man sicherheitshalber überprüfen. Wenn kleine Messbecher oder Medikamentendosierlöffel o.ä. vorhanden sind, können natürlich diese verwendet werden. Chemiker nehmen im Labor normalerweise destilliertes Wasser für ihre Versuche. Dieser Versuch klappt aber auch mit Leitungswasser.

Als erstes benötigen wir eine Stärkelösung, die ungefähr 1 %ig sein soll. Dass heißt, dass in 100 Gramm Wasser 1 Gramm Stärke gelöst sein muss. Stärke löst sich nur in kochendem Wasser. Rührt man das Pulver aber in das heiße Wasser, so verklumpt es. Jeder Koch weiß daher, dass man es anders machen muss! Nämlich so:
In einem kleinen Topf erhitzen wir 1/2 Liter (500 ml) Wasser bis es kocht. In der Zwischenzeit rühren wir in einem Glas oder Schälchen 2 leicht gehäufte Teelöffel (das sind ungefähr 5 Gramm) Stärkepulver mit wenig Wasser zu einem dünnen Brei an. Diesen gießen wir unter Rühren in das kochende Wasser. Die Stärke löst sich auf und es bleibt allenfalls eine leichte Trübung. Wir kochen noch etwa 2 Minuten leicht und lassen dann abkühlen.

Als zweites setzen wir eine Vitamin C-Lösung an, die 1,66 %ig sein soll (also 1,66 g in 100 ml - was dasselbe ist wie 1 g in 60 ml Wasser). Wenn keine Waage zur Verfügung steht nehmen wir den Teelöffel. Einen gestrichenen (!) Teelöffel voll Vitamin C-Pulver (ca. 3600 mg) geben wir in ein großes Glas und gießen mit dem Messbecher 200 ml Wasser dazu. Umrühren, bis sich das Vitamin C gelöst hat!

Dann machen wir einen Vorversuch:
Wir füllen ein Trinkglas zur Hälfte mit Wasser und rühren einen Teelöffel unserer Stärkelösung hinein. Von der Stärke ist nichts zu sehen – die Mischung sieht aus wie reines Wasser. Wenn wir jetzt ein paar Tropfen Iodlösung zugeben, färbt sich das Wasser im Glas dunkel blauschwarz. Gegenprobe: ein paar Tropfen Iodlösung in Wasser ohne Stärkelösung geben nur eine blass gelbe Mischung! Wenn wir jetzt zu dem blauschwarzen “Wasser“ einen Teelöffel Vitamin C-Lösung geben und umrühren, wird die Flüssigkeit wieder wasserklar.

Jetzt kommt der eigentliche Versuch!

In einem Glas passender Größe mischen wir 1 Esslöffel (15 ml) Wasserstoffperoxid 3% mit 1 Esslöffel und 2 Teelöffeln (25 ml) Wasser.

In ein zweites Glas geben wir zwei Teelöffel der dunkelbraunen PVP-Iod-Lösung (10 ml) und einen Teelöffel Vitamin-C-Lösung (5 ml) und rühren um. Und siehe da: die Mischung entfärbt sich und sieht fast aus wie reines Wasser. Wenn das nicht passiert war die Vitamin C-lösung nicht stark genug. In diesem Fall müssen wir vorsichtig - Tropfen für Tropfen – mehr Vitamin C-Lösung zufügen, bis die braune Farbe verschwunden ist (es bisschen hellgelb darf es noch aussehen). Dann rühren wir einen knappen Teelöffel (3 ml, aber die genaue Menge ist nicht so wichtig) Stärkelösung dazu. Die Farbe verändert sich nicht.

Nun geben wir die verdünnte Wasserstoffperoxidlösung aus dem zweiten Glas dazu, rühren um und beobachten. Zunächst passiert gar nichts. Nach etwa 20 Sekunden bemerken wir eine gelbliche Färbung in der Flüssigkeit und kurz darauf färbt sich die Mischung plötzlich schlagartig schwarz. Wer will, kann die genaue Zeit mit einer Uhr stoppen!


Entsorgung:

Wir geben zu der schwarzen Brühe soviel Vitamin-C-Lösung, bis sie sich wieder entfärbt hat. Anschließend können wir sie in den Ausguss schütten. Benutzte Trinkgläser danach gut mit Wasser und Spülmittel ausspülen!


Erklärungen:

Der Vorversuch zeigt, dass Iod mit Stärke eine blauschwarze Farbe ergibt. Während man dem Glas Wasser nicht ansieht, ob es Stärke enthält oder nicht, kann man sich mit der Iodlösung schnell Klarheit verschaffen: wenn das Wasser blauschwarz wird, war Stärke drin! Anders gesagt: mit Iodlösung kann man Stärke nachweisen. Stärke ist ein wichtiger Bestandteil vieler Lebensmittel. Mit der Iodlösung könnt ihr in der Küche Lebensmittel auf Stärke untersuchen! Verdünnt einen Teelöffel Iodlösung mit 2-3 Esslöffeln Wasser und tropft die Mischung auf eine Kartoffelscheibe, auf ein Stück Weißbrot, eine gekochte Nudel, ein paar (gekochte) Reiskörner oder auf Mehl. Überall bildet sich die blauschwarze Farbe: alle diese Lebensmittel enthalten Stärke! Probiert es mit einem Apfelschnitz, einem Stückchen gekochten Schinken, einem Löffel Quark: nur braungelb - keine Stärke enthalten. Ein Stoff, mit dem man einen anderen Stoff nachweisen kann nennt man in der Chemie ein Reagenz. Iodlösung ist ein Reagenz auf Stärke.

Jetzt wissen wir auch, warum die Flüssigkeit bei unserer Zeitreaktion plötzlich blauschwarz wird: Iod hat mit Stärke reagiert. Aber wieso nicht schon vorher? Und warum wird das braune Iod durch die Vitamin-C-lösung entfärbt?

Iod gehört zu einer Gruppe von Stoffen, die der Chemiker Elemente nennt. Elemente sind Stoffe, die nicht aus anderen Stoffen aufgebaut sind. Moment Mal! Schon wieder Stoffe? Sind wir jetzt in einem chemischen Labor oder ein einem Kleidergeschäft? Mit einem Stoff meint der Chemiker keinen Kleidungsstoff sondern eine beliebige Substanz. Du hast sicher schon mit Klebstoffen oder Farbstoffen zu tun gehabt.
Das Gegenstück zu einem Element ist eine Verbindung, also ein Stoff der aus mehreren Elementen zusammengesetzt ist. Die meisten Stoffe in unserer Umwelt sind Verbindungen: der Zucker, das Salz und das Mehl, das Holz aus dem der Küchentisch gemacht ist und sogar das Wasser bestehen alle aus zwei oder mehreren Elementen.

Verbindungen sehen oft ganz anders aus als die Elemente, aus denen sie zusammengesetzt sind. Wenn wir Iodlösung mit Vitamin C-Lösung mischen, passiert eine chemische Reaktion und das Iod wird in eine Verbindung übergeführt, die Iodwasserstoffsäure heißt. Iodwasserstoffsäure ist farblos und gibt mit Stärke keine blaue Farbe – obwohl sie Iod chemisch gebunden enthält. Diese Reaktion kann mit Hilfe von Wasserstoffperoxid rückgängig gemacht werden: das Wasserstoffperoxid setzt aus der Iodwasserstoffsäure wieder Iod frei (daher kommt die Gelbfärbung, die sich bei unserer Zeitreaktion zuerst zeigt!) und dieses bildet mit der Stärke in der Lösung die blauschwarze Farbe. Bevor das Iod aber frei werden kann, muss vorher das zugesetzte Vitamin C chemisch zerstört werden, was ebenfalls durch das Wasserstoffperoxid geschieht. Diese Reaktion sieht man nicht und sie braucht ein bisschen Zeit. Erst wenn das Vitamin C verbraucht ist, kann sich freies Iod und damit die schwarze Farbe ausbilden.


Erklärung für Eltern:

Ascorbinsäure ist ein kräftiges Reduktionsmittel und reduziert Iod zu Iodid resp. Iodwasserstoffsäure:
Reaktion mit Vitamin C.jpg
Durch Zugabe von Wasserstoffperoxid wird Iodid wieder zu Iod oxidiert, welches jedoch von überschüssiger Ascorbinsäure wieder reduziert wird (das Iod dient hier als “Elektronencarrier“). Erst wenn die Ascorbinsäure verbraucht ist kann freies Iod entstehen, das mit der zugesetzten Stärke den bekannten blauschwarzen Iod-Stärke-Komplex bildet:

2 HI + H2O2 ---> 2 H2O + I2

Diese Reaktion wird zur quantitativen Bestimmung von Ascorbinsäure, z.B. in der Pharmazie, benutzt.

Polyvinylpyrrolidon (PVP) ist ein weißer Feststoff, der sich in Wasser, aber auch in zahlreichen organischen Lösungsmitteln gut löst und physiologisch inert ist. Er bildet mit Iod eine Komplexverbindung, die gut wasserlöslich ist.

PVP-Iod.jpg
Polyvinylpyrrolidon-Iod-Komplex (Bild aus Wikipedia)

Die wässrigen PVP-Iodlösungen haben die früher verwendete alkoholische Iodtinktur in der medizinischen Anwendung verdrängt, weil sie viel weniger Haut- und Schleimhaut-reizend wirken als die letztere. Kleine Mengen Iod werden von PVP so fest gebunden, dass sie nicht mit Stärke reagieren. Erst größere Mengen stehen in einem Diffusionsgleichgewicht mit der wässrigen Umgebung und könne chemisch (oder antimikrobiell) wirksam werden. Daher sind wässrige PVP-Iod-Lösungen milde Antiseptika. Bei der Zeitreaktion werden die zunächst gebildeten Anteile Iod wieder von PVP gebunden und der Ansatz färbt sich gelblich. Erst wenn eine kritische Menge Iod entstanden ist, tritt die Iod-Stärke-Reaktion ein.

Wenn die Sprösslinge ausreichend neugierig sind, kann man die hier geschilderte Zeitreaktion variieren, z.B. indem man die Lösungen kurz in heißem Wasser erwärmt (nicht zu warm, sonst tritt die Iod-Stärke-Reaktion nicht ein!) oder indem man sie verdünnt. So kann daran die Temperatur- und Konzentrationsabhängigkeit chemischer Reaktionen erklärt werden.


Bilder:

Landolt für Kinder  Zutaten.jpg
Die Zutaten für den Versuch

Landolt für Kinder  Teelöffel.jpg
Ein gestrichener (!) Teelöffel Vitamin C - bei mir 3600 mg

Landolt für Kinder  1.jpg
Landolt für Kinder 1.jpg (26.41 KiB) 288 mal betrachtet
Landolt für Kinder  2.jpg
Landolt für Kinder 2.jpg (27.72 KiB) 288 mal betrachtet
Landolt für Kinder  3.jpg
Landolt für Kinder 3.jpg (26.58 KiB) 288 mal betrachtet
Die Landolt’sche Zeitreaktion mit Vitamin C: Ausgangszustand – Gelbfärbung der Mischung – blauschwarze Färbung am Schluss



Die Landolt’sche Zeitreaktion mit Vitamin C im Video. Die kleinen Messzylinder enthalten Iodlösung und Vitamin C-Lösung. Mit der Pipette wird Stärkelösung zugesetzt. Der große Messzylinder links enthält die mit Wasser vedünnte Wasserstoffperoxidlösung.


Literatur:

Wright S C: The Vitamin C Clock Reaction; Journal of chemical Education 79 (2002): 41-43
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher." (A. Einstein 1871 - 1955)

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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von aliquis »

Ja, die Wasserstoffperoxid-Variante klappt sehr gut.
Der Umschlag erfolgt noch schlagartiger, wenn man Iodtinktur oder Lugolsche Lösung statt Povidon-Iod verwendet (eher in Online-Apotheken als vor Ort erhältlich).
Alternativ kann man - wenn vorhanden - auch direkt von Iodid ausgehen und mit pH-Minus aus dem Baumarkt ansäuern. Als Reduktionsmittel empfehle ich dann Thiosulfat - auch beschränkungsfrei online zu bekommen, mit etwas Glück sogar ebenfalls in der Poolabteilung des Baumarkts (Antichlor).
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Uranylacetat
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von Uranylacetat »

Cool! 8) Eine „Ascorbinsäure-Uhr“ ....
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von aliquis »

Es bleibt schon noch eine Iod-Uhr...
Aber dass es auch mit Substanzen, die man selbst heute noch in der Apotheke bekommt (wenn ein Erwachsener begleitet), durchführbar ist, ist schon eine tolle Sache - definitiv! :thumbsup:
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Uranylacetat
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von Uranylacetat »

Klar bleibt es eine Jod-Uhr! Ich bezog mich auf die Literatur-Angebe .... 8)
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von aliquis »

@Uranylacetat:
Ja, tatsächlich, das hatte ich doch glatt übersehen.
Erstaunlich - denn eigentlich ist ja das farbgebende Redoxsystem der Namensgeber der "Uhr"und nicht das Reduktionsmittel.
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lemmi
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von lemmi »

Das ursprüngliche Experiment ist mit Tincture of Iodine USP beschrieben. Das ist eine 2%ige Lösung von Iod + Kaliumiodid in verd. Ethanol. Da PVP-Iod nur 1% Iod enthält, habe ich die eingesetzte Menge einfach verdoppelt und es funktioniert. Ich habe die Reaktion auch mit 2% iger Lugol'scher Lösung gemacht. Da ist der Farbumschlag schon schärfer. Allerdings ist Lugol'sche Lösung oder ethanolische Iodlösung ätzender als PVP-Iod und für Kinder nicht so tauglich. PVP-Iod hat zu meiner Überraschung gar kein Gefahrstoffpiktogramm (wie du, @aliquis, sicher schon überprüft hast ... ).
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von aliquis »

Als ich juristisch betrachtet noch ein Kind war (13 Jahre alt), habe ich bereits zu Hause Brom destilliert, Benzol nitriert (heute aus mehreren Gründen selbst für erwachsene Amateure undenkbar) und Natriumhydroxidschmelze elektrolytisiert - komm' mir jetzt nicht damit, dass 2 %ige Iodtinktur für Kinder bereits zu ätzend sei... :wink:
Die Augen gehören beim Experimentieren eh hinter die Gläser einer Schutzbrille, und wer darüber hinaus Bedenken wegen verdünnten Iods auf der Haut hat (das ist ganz nebenbei bemerkt das medizinisch korrekte Anwendungsgebiet :wink: ), kann sein Kind Nitrilhandschuhe tragen lassen.
Die Nichtsdürfer von heute sind die Nichtskönner von morgen. Eine leicht wieder verheilende Hautreizung an den Händen ist im Zweifel auch eine lehrreiche Lebenserfahrung. Wir müssen endlich aufhören, unsere Kinder vor jedem Kratzer bewahren zu wollen, sonst wird das nichts mit der Zukunft unserer Gesellschaft. Chemie, ganz ohne sich die Hände nass und schmutzig zu machen, funktioniert nicht. Es mangelt den heutigen Kindern und Jugendlichen bereits ganz massiv an händischen Fähigkeiten und einer gewissen Grundgeschicklichkeit. Das muss sich dringend und bald ändern. Aber ohne ausreichend Gelegenheit zum Üben, Abgucken und Nachmachen wird das halt nichts... Dann gute Nacht, moderne Industriegesellschaft. :evil:
Ungewohnte Worte von mir, ich weiß. Aber dieses Plädoyer musste ich jetzt einfach mal loswerden... Ich bitte daher, mir das OT nachzusehen.

Ich habe tatsächlich bei Ascorbinsäure nachgeschaut, ob sie als reizend eingestuft ist. Sie trägt aber aus dem gleichen Grund kein GHS-Zeichen wie Polyvidon-Iod: Medizinprodukte und Nahrungs(ergänzungs)mittel sind von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen - was nicht heißt, dass sie nicht trotzdem Gefahrstoffe sein können.
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von schlemmiloom »

@lemmi:

Vielen Dank, dass du uns diesen Versuch so schön dokumentiert zeigst, und mit uns teilst.

@aliquis:
von aliquis » Freitag 10. Mai 2024, 21:09
Als ich juristisch betrachtet noch ein Kind war (13 Jahre alt), habe ich bereits zu Hause Brom destilliert, Benzol nitriert (heute aus mehreren Gründen selbst für erwachsene Amateure undenkbar) und Natriumhydroxidschmelze elektrolytisiert - komm' mir jetzt nicht damit, dass 2 %ige Iodtinktur für Kinder bereits zu ätzend sei... :wink:
OT an:

Das Destillieren von Brom ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet.

Mit mir hätte man das damals auch machen können, aber mit den Meisten anderen in dem Alter eher nicht.
Mit der Jugend von heute? Darüber zu schreiben möchte ich gar nicht erst anfangen.

Als folgsamer, gut erzogener Junge, habe ich damals auf das Destillieren von Brom verzichtet.

Mein Vater, der beruflich bedingt, chronisch, ungeschützt, über viel Jahre stark Halogen haltigen Verbindungen ausgesetzt war, hätte das nicht gut gefunden.

Es wurde ihm erst nach und nach klar, und die gesundheitlichen Folgen haben sich erst sehr spät in bedrohlichem Maße gezeigt.

Die Schäden waren daher, juristisch betrachtet, leider nicht mehr eindeutig seiner beruflichen Tätigkeit zuzuordnen.
Die dafür notwendigen Dokumente waren bereits der Aktenvernichtung zum Opfer gefallen.
Bei so etwas helfen leider auch die Beste toxikologischen Gutachten im Nachhinein nicht.

OT aus.

Aber dies hier ist ein eindeutig unbedenklicher Kinderversuch, also alles gut.
"Eisenhut tut selten gut. Iron-hat makes people sad."

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lemmi
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von lemmi »

Jetzt sehe ich mich doch genötigt, auch was zum OT beizutragen.

Medizinprodukte und Arzneimittel müssen keine Gefahrensymbole tragen. Aber die darin enthaltenen Wirkstoffe haben durchaus Gefahrensymbole zugewiesen. Gib mal bei Wikipedia Diclofenac oder Verapamil ein! Dass Ascorbinsäure und PVP-Iod keine Gefahrensymbole haben liegt nicht daran, dass es Arzneistoffe sind, sondern tatsächlich daran, dass sie die Kriterien für Gefahrstoffe nicht erfüllen.
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von aliquis »

@lemmi:
Dass reine Ascorbinsäure nicht zumindest starke Augenreizungen hervorruft, kann ich mir fast nicht vorstellen (ausprobieren möchte ich es natürlich auch nicht... :wink: ).
Das GHS-System mit der Zuordnung der H-Sätze ist leider nicht immer in sich konsistent. Da gibt es einige Ungereimtheiten.
Bzgl. der Gefahrenstoffe in Medikamenten hast Du natürlich recht.
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von aliquis »

@Schlemmiloom:
Zum Umgang mit Brom hat mich damals niemand genötigt, aber auch niemand davon abgehalten. Sogar der Apotheker, der mir zu dem Zweck Bromid verkaufte, meinte nur, ich solle vorsichtig sein. Das war alles. Die guten alten 80er Jahre eben.
Der Risiken war ich mir bewusst. Anleitungen und Sicherheitsvorkehrungen habe ich stets strikt eingehalten.
Nie hätte ich etwas gemacht, was ich mir eigentlich nicht zugetraut hätte, mich im Falle eines Falles selbst überfordert oder unnötig in Gefahr gebracht hätte. Ich war schon immer die Umsicht in Person - von Kindheit an. Eltern, Lehrer und Apotheker wussten darum und trauten es mir daher einfach zu.
Aber das Wichtigste daran: dass sie mir vertrauten und das zutrauten, stärkte auch das Selbstvertrauen in mein eigenes Wissen, Tun und Können. Das ist ein sich selbst verstärkendes System im Reifeprozess der eigenen Persönlichkeit, das nicht unterschätzt werden sollte.
Umgekehrt kann man sich an fünf Fingern abzählen, wohin es führt, wenn man Kindern und Jugendlichen weniger zutraut und zumutet, als wozu sie doch eigentlich fähig sind. Und wie so oft sind die Fähigkeiten altersentsprechend individuell unterschiedlich: für den einen ist Brom destillieren mit 13 Jahren kein Problem, für den anderen bleibt es noch mit 31 eine Überforderung...
Natürlich gibt es sinnvolle Empfehlungen, die eine Mehrheit der Betroffenen abdecken dürften - nicht mehr und nicht weniger. Ein Gesetz, das den Umgang mit dem Gefahrenstoff unterhalb dieser Altersgrenze (ausserhalb der Schule) verbietet, gibt es Gott sei Dank nicht.
Am Rande: ich rede von Experimenten im Halbmikromassstab, nicht von Bulkmengen. Und dass das Einatmen von Brom vermieden werden sollte, versteht sich von selbst. Das war mir auch damals schon klar.
Bis heute ist es bei mir noch zu keinerlei Zwischenfällen mit gesundheitlichen Folgen gekommen.
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von immi07 »

Hallo lemmi,

danke für einen weiteren Kinderversuch.
Das ist so nötig. Bei Johanna in der Grundschule wurde nicht mal eine Kerze angezündet um Rußbildung an einem Objektträger zu zeigen. Wurde nur theoretisch erklärt.

Grüße von den immis
Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Pläne zu machen, Arbeit zu verteilen, Werkzeug zu holen und Holz zu schlagen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Dann bauen sie das Schiff von alleine.

Du hast eine Handvoll Brombeeren und wirfst sie zur Erde. Sie verbinden sich mit der Erde zu Erdbeeren. Und Brom wird frei.

Können ist, wenn "Glück gehabt" zur Gewohnheit wird.
aliquis
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Re: Die Landolt‘sche Zeitreaktion für Kinder und Eltern

Beitrag von aliquis »

Ja, in manchen Städten und Kreisen ist offenes Feuer an den Schulen ausserhalb von Experimentalräumen und Schulküchen untersagt worden (nicht mal mehr ein Adventsgesteck auf dem Lehrertisch ist dann noch gestattet!). Und wenn eine Grundschule (in BB bis Ende Kl. 6?) über gar keine entsprechenden Fachräume verfügt, fällt sowas halt total flach. Rückkehr zur reinen Tafelchemie - dank überbordender Regulatorik auch und gerade an den Schulen... :wall:
Wobei ich den Eindruck habe, dass in den verschiedenen Fächern mit unterschiedlichem Mass gemessen wird: würde man das Sicherheitsniveau des Chemieunterrichts auf den Sportunterricht übertragen wollen, dürften die Kinder nicht mal mehr Purzelbäume auf Weichbodenmatten schlagen... :roll:
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